HomeGesundheitHIV/AidsSpritze gegen HIV-Infektion lässt in Deutschland weiter auf sich warten

Spritze gegen HIV-Infektion lässt in Deutschland weiter auf sich warten

Lenacapavir gilt als ein Meilenstein in der HIV-Prävention. In Deutschland bleibt das Medikament aber vorerst unerreichbar – trotz EU-Zulassung. Grund sind ungeklärte Preisverhandlungen mit den Krankenkassen.

Ein neues HIV-Medikament mit vielversprechender Schutzwirkung wird in absehbarer Zeit in Deutschland nicht verschreibbar sein. Die Zulassung des Wirkstoffs Lenacapavir erfolgte zwar bereits im August 2025 durch die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) – sowohl für die Behandlung von HIV-Infektionen als auch zur Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP). 

Doch bisher fehlt eine entscheidende Voraussetzung für den Marktstart: eine Vereinbarung mit den deutschen Krankenkassen über die Kostenübernahme. Laut Recherchen des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) hat der Hersteller Gilead bislang keine Preisverhandlungen aufgenommen. Somit kann Lenacapavir hierzulande weder in Apotheken abgegeben noch verordnet werden.

Hersteller verweist auf „europäische Zugangsoptionen“

Auf Nachfrage erklärte Gilead, dass derzeit alle „Zugangsoptionen auf europäischer Ebene“ geprüft würden. Welche konkreten Schritte dies sind und wie lange dieser Prozess dauern könnte, ließ der Konzern offen. Solange diese internen Verfahren nicht abgeschlossen sind, werden keine nationalen Prozesse angestoßen, also auch keine Gespräche mit deutschen Krankenkassen.

Dieses abwartende Vorgehen sorgt in Berliner HIV-Schwerpunktpraxen für Unverständnis. Viele Ärzt:innen zeigen sich überrascht über die zögerliche Haltung von Gilead in Europa, zumal Lenacapavir in den USA seit Juni 2025 als PrEP-Medikament unter dem Namen Yeztugo verschrieben werden kann.

Halbjährliche Injektion statt täglicher Tabletten

Lenacapavir ist ein Depotpräparat. Es wird alle sechs Monate unter die Haut gespritzt und gibt seinen Wirkstoff über einen längeren Zeitraum hinweg gleichmäßig ab. Dadurch entsteht ein konstanter Medikamentenspiegel im Körper und das Risiko von Einnahmefehlern sinkt.

Im Gegensatz dazu muss die derzeit in Deutschland erhältliche PrEP mit dem Medikament Truvada täglich eingenommen werden. Das ebenfalls von Gilead entwickelte Tablettenpräparat wird aktuell von mehr als 40.000 Menschen in Deutschland genutzt. Laut Robert Koch-Institut schützt es bei regelmäßiger Einnahme sehr zuverlässig vor einer HIV-Infektion.

Studien bescheinigen bis zu 100 Prozent Wirksamkeit

Studien zeigen eine außergewöhnlich hohe Schutzwirkung von Lenacapavir von teilweise bis zu 100 Prozent. Laut Gesundheitsexpert:innen treten Infektionen während einer PrEP-Therapie fast ausschließlich bei unregelmäßiger Einnahme auf. Dieses Risiko entfällt bei einer Injektion, die den Körper über einen Zeitraum von sechs Monaten kontinuierlich schützt.

Zudem berichten Studien von geringeren Nebenwirkungen und weniger Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten als bei bisherigen PrEP-Präparaten.

Hohe Kosten könnten Einführung verzögern

Ein entscheidendes Hindernis bleibt jedoch der Preis. In den USA kostet eine Injektion von Lenacapavir rund 12.160 Euro, also etwa 24.300 Euro pro Jahr für zwei Dosen. Ein Truvada-Generikum kostet in Deutschland aktuell etwa 432 Euro jährlich so die Krankenkasse DAK.

Die jährlichen Behandlungskosten bei einer HIV-Infektion liegen laut DAK zwischen 4.000 und 15.000 Euro, sodass die medikamentöse PrEP im Vergleich nur einen Bruchteil kostet. 

Für Lenacapavir gilt das bislang nicht. Die Kosten für das neue Präparat wären demnach höher als die Kosten für die Behandlung einer bestehenden HIV-Infektion. Erst wenn Gilead einen Preisvorschlag vorlegt oder sich politische Initiativen zur Patentfreigabe durchsetzen, könnte Bewegung in den Marktstart kommen.

Patentlaufzeit bis 2042 – aber Ausnahmen möglich

Wie bei neuen Medikamenten üblich, genießt auch Lenacapavir Patentschutz – in diesem Fall bis 2042. Zwar wird der Wirkstoff in der HIV-Behandlung bereits seit einigen Jahren eingesetzt, etwa bei Patient:innen mit resistenten Virusstämmen. Doch für den breiten Einsatz als PrEP bleibt der Patentschutz bestehen.

Einige Länder mit hohem Infektionsgeschehen und geringen Ressourcen verhandeln frühzeitig mit Herstellern über Generika. Gilead hat eigenen Angaben zufolge bereits Lizenzen an sechs Generika-Hersteller vergeben. Diese beliefern künftig 120 Länder mit niedrigem oder mittlerem Einkommen. Das Ziel ist, den Preis pro Injektion auf etwa 40 Dollar zu senken. Das soll über internationale Hilfsprogramme finanziert werden.

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