Mit „Rains over Babel“ (im Original: „Llueve sobre Babel“) präsentiert Gala del Sol ein bildgewaltiges Spielfilmdebüt, das als Performance, Fabel und Feier queerer Kultur gleichermaßen funktioniert.
Der Film entführt ins mythische Cali, das nicht als reale Stadt dargestellt wird, sondern als überdrehtes, retrofuturistisches Purgatorium zwischen Leben und Tod. Zentraler Schauplatz ist der Club „Babel“, in dem Drag Queens, Tote, Liebende und Dämonen aufeinandertreffen. Zwischen Salsa-Rhythmen, Leuchtstoffröhren und flackernden Glücksspielen wird dort um Sekunden des Lebens gepokert.
Ein Club als Spiegel queerer Sehnsüchte
Der Club ist mehr als nur eine Bühne – er ist das Herz des Films. Neonlicht, exzentrische Kostüme, queere Körper in Bewegung und ekstatische Musik verschmelzen darin zu einer dichten Atmosphäre. In dieser Welt verhandeln Menschen ihre Identität mit vollem Körpereinsatz: über Glücksspiele, Drag-Performances und surreale Begegnungen.
„Babel ist wie eine Explosion queerer Möglichkeiten“, beschreibt eine Figur die Szenerie treffend. Die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen. In BDSM-Dungeons fliegen Fäuste im Kung-Fu-Stil, Dildos werden als Hebel benutzt, Salamander sprechen in Rätseln und Drag Queens kämpfen um mehr Zeit auf Erden.
Figuren zwischen Leben, Tod und Transformation
Im Mittelpunkt steht La Flaca (Saray Rebolledo), die personifizierte Muerte: elegant, verführerisch und tödlich. Sie leitet die Geschicke im Club Babel, in dem verlorene Seelen um eine Verlängerung ihres Daseins feilschen.
An ihrer Seite ist Dante (Felipe Aguilar Rodríguez), der einst verlorene Seelen sammelte und nun auf der Suche nach sich selbst ist. Seine letzte Schicht läuft ab und eine Reise beginnt, die ihn mit Poeten, Drag-Queens, Schuldenmachern und Suchenden kreuzen lässt.
Weitere Figuren sind der apathisch-philosophische Apotheker (Santiago Pineda), der schillernde Drag-Newcomer Darla Experiment (Bayron Quintero), der widerwillige Vater Gian Salai (John Alex Castillo) und die verzweifelte Uma (Celina Biurrun), die ein weiteres Spiel mit dem Tod erzwingen will.
Stilistische Überwältigung mit politischem Herz
Visuell gleicht der Film einem queeren Kaleidoskop. Der Soundtrack changiert wild durch die Genres – von Cumbia über Balkanmusik bis hin zu Trap –, oft sogar innerhalb einer Szene. Flackernde Lichter, glitzernde Kostüme, groteske Details und schrille Soundeffekte erzeugen einen permanenten Rausch. Dabei setzt del Sol auf ein deutliches Theatergefühl: Überzeichnung, Symbolik und Performance stehen klar über klassischer Dramaturgie.
Für manche Zuschauer:innen wirkt der Film wie ein wilder, tropischer Fiebertraum. Was für die einen überladen oder verwirrend wirkt, empfinden die anderen als radikale, queere Gegenerzählung zum patriarchalen Realismus des lateinamerikanischen Kinos.
Identität, Begehren und das Spiel mit dem Schicksal
„Rains over Babel“ behandelt tiefgreifende Themen, jedoch nie mit dem erhobenen Zeigefinger. Es geht um Selbstakzeptanz, queere Gemeinschaften, den Mut zur Veränderung und darum, wie man mit einem vom Tod regierten System umgeht. Die queeren Figuren widersetzen sich nicht nur dem Tod, sondern auch einer Gesellschaft, die ihnen oft keinen Platz lässt. „Manchmal muss man ins Nichts springen“, sagt eine Figur. „Und das, was brennen muss, soll brennen.“
Die Geschichte orientiert sich lose an Dantes „Inferno“, ist aber weniger eine moralische Reise als ein sinnlich-explosives Überlebenserlebnis. Kritiker:innen loben den Film als „visuelles Manifest“ gegen konservative Erzähltraditionen und als queeres Gegengewicht zum klassischen kolumbianischen Kino.
Ein filmisches Fest der Andersartigkeit
„Rains over Babel“ ist kein klassischer Film, sondern ein Erlebnis. Gala del Sol nutzt die filmische Form, um Räume für queere Körper, Stimmen und Rituale zu schaffen. Dabei bleibt sie kompromisslos expressiv. Mit jungen Schauspieler:innen, einem exzentrischen Szenenbild und einer Inszenierung, die mehr Performancekunst als Erzählkino ist, gelingt ihr ein visuelles Spektakel, das in der internationalen Festivalszene bereits für Furore sorgt.
Der Film tanzt, schreit, flimmert – und hinterlässt Spuren.


