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Helmut Berger: Der schönste Mann der Welt

Helmut Berger sprengte seinen Rollen und in seinem Leben die Grenzen von Geschlecht, Begehren und bürgerlicher Moral. Als Liebhaber und Muse Luchino Viscontis, als androgyne Lichtgestalt und unverbesserliches Enfant terrible wurde er zur queeren Ikone, an der sich Europas Vorstellung von Männlichkeit neu entzündete.

Helmut Berger war nie nur „Schauspieler“. Er war Projektionsfläche, Skandal, Liebhaber und Mythos – eine Figur, an der sich Europa in den 1960er- und 70er-Jahren in Bezug auf Begehren, Schönheit und Männlichkeit neu erfand. Dass er heute als queere Ikone in Erinnerung bleibt, hat weniger mit pädagogischer Vorbildlichkeit zu tun als mit der radikalen Sichtbarkeit eines Lebens, das sich weigerte, brav zu sein.

Vom Gasthaus in Bad Ischl in die Welt der Reichen und Schönen

1944 in Bad Ischl als Helmut Steinberger geboren, wuchs er weit entfernt von den Salons auf, in denen er später sitzen würde. Der Sohn eines Gastwirts sehnte sich als Jugendlicher vor allem nach dem „Draußen“: nach Sprachen, nach Städten, nach einem Leben, das größer war als das eigene Elternhaus. Er ging nach London und Italien, schlug sich mit Jobs durch, arbeitete als Kellner, Page, Model und Statist – einer von vielen schönen jungen Männern im Europa der Nachkriegszeit, die darauf warteten, entdeckt zu werden. 

Und genau das geschah, als Luchino Visconti ihn entdeckte: Der aristokratische, schwule, kultivierte und von Bildern besessene Regisseur entdeckte in dem jungen Oberösterreicher sein nächstes großes Motiv. Es entsteht eine Liebes- und Arbeitsbeziehung, die mehr an ein Melodram erinnert als an eine Biografie: Höhenflüge, Eifersucht, Ohrfeigen, große Gesten – und immer wieder Kino.

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Blond, kühl und narzisstisch – die Rolle des Helmut Berger

Aus Helmut Steinberger wurde Helmut Berger – eine Figur, die ebenso Kunstprodukt wie Mensch ist. Visconti besetzte ihn zunächst im Episodenfilm „Hexen von heute“, dann 1969 in „Die Verdammten“. Berger spielt Martin von Essenbeck: blond, kühl, narzisstisch, ein Erbe in der Finsternis des aufziehenden Nationalsozialismus.

Gleich zu Beginn des Films spielt sich Berger mit der berühmten Marlene-Dietrich-Nummer in die Ewigkeit: In Frauenkleidern, in Pose, imitiert er eine Ikone und ist gleichzeitig Parodie und Konkurrenz. Damit ist er, lange bevor der Begriff im Mainstream ankommt, ein androgyn inszenierter männlicher Star.

Helmut Berger und Luchino Visconti: Liebe, Eifersucht und Drama

Aus der Beziehung mit Visconti wird eine Liebesgeschichte, die in ihrer Intensität selbst wie ein Film wirkt. Der ältere, aristokratische Regisseur und der jüngere, impulsive Liebhaber, Eifersucht, Dramen und brennende Hotelsuiten – an dieser Beziehung ist nichts leise. Berger nennt Visconti später die große Liebe seines Lebens, Geliebten, Mentor und Vaterfigur in einer Person. 

Visconti macht ihn dafür zu König Ludwig II., zur Inkarnation dekadenter Monarchie, zum Gesicht einer untergehenden Welt. In „Ludwig II.“ verschmelzen Figur und Schauspieler so stark, dass man nie genau sagen kann, wo der wahnsinnige König endet und der exzentrische Oberösterreicher beginnt. Nach Viscontis Tod im Jahr 1976 beschreibt Berger sich selbst als „32-jähriger Witwer“, der daraufhin in eine Spirale aus Drogen, Alkohol und Depressionen stürzt.

In diesen Filmen entsteht die queere Aura, die Berger bis zum Schluß umgibt. Seine Rollen sind selten klar zugeordnet – weder moralisch noch sexuell. Er spielt Männer, die begehren, ohne sich zu erklären: Könige mit Knaben, Opportunisten, die sich nach beiden Seiten vergnügen, Dandys, deren Schönheitskult immer schon den eigenen Untergang mitdenkt.

Auch in „Das Bildnis des Dorian Gray“ wird sein Körper zur Projektionsfläche für die Fantasien des Publikums. Es ist diese Mischung aus kalter Schönheit und sichtbarer Verletzlichkeit, die ihn zur Identifikationsfigur für all jene macht, die spüren, dass ihre Lust nicht der Norm entspricht.

Helmut Berger hat sein Begehren nie sauber sortiert

Entscheidend ist, dass Berger sein Begehren nie sauber sortiert. Er bekannte freimütig, dass es für ihn keinen Unterschied machte, ob er mit Rudolf Nurejew, Marisa Berenson oder Mick und Bianca Jagger im Bett war. Für ihn ist Bisexualität weniger eine Identitätskategorie als eine gelebte Praxis: Wer ihm gefällt, gefällt ihm – das Geschlecht ist zweitrangig.

In einer Zeit, in der Homosexualität noch kriminalisiert oder massiv stigmatisiert wird, wirkt dieses offene, unverschämte Selbstverständnis wie eine Kampfansage. Queere Fans sehen in ihm eine Figur, die nicht um Anerkennung bettelt, sondern die Bühne als ihr Recht betrachtet.

Das Enfant terrible mit Sinn für Drama – bis zum Schluss

Gleichzeitig inszenierte sich Berger von Beginn an als Enfant terrible. Er ist kein disziplinierter Charakterdarsteller, der dem Feuilleton gefallen möchte, sondern ein Star alter Schule, der Skandale als Währung versteht. Alkohol, Drogen, Eskapaden – all das trägt er mit fast schon demonstrativer Offenheit vor sich her. In Talkshows erscheint er betrunken, beschimpft Moderator:innen, bricht Konventionen des guten Benehmens und man weiß nie genau: Ist das der Verlust der Kontrolle oder eine genau kalkulierte Darstellung? 

Sein Satz „Ich bin total versackt“, geäußert 1996 in Harald Schmidts Late-Night-Show, war zugleich Beichte und Pose. Berger inszenierte seinen Absturz mit dem gleichen Sinn für Drama, mit dem er einst König Ludwig gespielt hatte – nur diesmal ohne Drehbuch und Regie, ausgeliefert an die Boulevardpresse und seine Dämonen.

Helmut Berger wollte sich nie zur Ruhe setzen

Auch in dieser Spätphase bleibt Berger eine Figur, die sich jedem Versöhnungsnarrativ entzieht. Ein Beispiel hierfür ist seine Hochzeit mit dem deutlich jüngeren Florian Wess auf Ibiza im Jahr 2015, bei der Dragqueen Nina Queer die Zeremonie abnahm und damit die Medienmaschine noch einmal fütterte. Wer hoffte, er würde zum würdevollen, geläuterten Altstar werden, wurde enttäuscht: Berger blieb bis zuletzt unzuverlässig, laut und widersprüchlich.

Gerade darin liegt seine queere Sprengkraft. Er verkörpert keine „Erfolgsgeschichte von der Randfigur zur anerkannten Minderheit“, die sich sauber erzählen lässt, sondern etwas Unbequemeres: ein Leben, das Schönheit, Exzess, Selbstzerstörung und Begehren untrennbar ineinander verschränkt. Für die queere Erinnerungskultur taugt er nicht als pädagogisches Beispiel, aber umso mehr als Projektionsfläche für eine Form von Freiheit, die ihren Preis kennt und trotzdem nicht zurückweicht.

Eine Ikone ohne Heiligenschein

Wenn heute von Helmut Berger als „Ikone“ gesprochen wird, dann meint das keinen heiligen Glanz, sondern eine Figur, an der sich Widersprüche brechen. Er ist der „schönste Mann der Welt“ und das abgründige Wrack, er ist der Liebhaber eines großen Regisseurs und der verlassene Witwer, er ist König und Clown. Queer ist bei ihm eine Haltung: das Recht, unpassend zu sein; das Tragische und das Lächerliche gleichzeitig auszuspielen – und am Ende doch ein Bild zu hinterlassen, das sich nicht mehr aus der Geschichte des europäischen Kinos tilgen lässt.

Helmut Berger stirbt schließlich 2023 im Alter von 78 Jahren in einem Altenheim in Salzburg, jener Stadt, in deren Nähe er einst als Helmut Steinberger zur Welt gekommen war. Es ist eine stille Pointe, dass dieses notorische Enfant terrible, das sein Leben lang in Hotels, Villen und Filmsets zwischen Rom, Paris und Los Angeles zirkulierte, am Ende in seiner spießigen Heimat zur letzten Ruhe kam.

In Nachrufen war von einem „letzten Star“ die Rede, von einem Mann, der das Kino mit seiner bloßen Anwesenheit elektrisieren konnte und dem es nie gelang – oder dem es nie wichtig war –, sich an die Regeln des Alterns, der Diskretion und der Reue zu halten. Sein Tod markiert weniger das Ende seiner Karriere als das Versiegen einer Figur, wie es sie im heutigen, glattgebügelten Betrieb kaum noch gibt: ein queerer Mythos aus Fleisch und Blut, der sich dem Trost der Nachträglichkeit bis zuletzt entzogen hat.

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