HomeMagazinFilmtipp Zwei Schwestern, ein Esel und jede Menge Drama

[Video] Zwei Schwestern, ein Esel und jede Menge Drama

„Donkey Days“ ist ein Familienfilm, der sich wie ein Nerventest anfühlt: Regisseurin Rosanne Pel interessiert sich weniger für eine geschlossene Geschichte als für das schmerzhafte Vibrieren zwischen drei Figuren, die sich seit Jahrzehnten gegenseitig nicht entkommen können.

Im Zentrum von „Donkey Days“ stehen die Schwestern Anna und Charlotte, die seit ihrer Kindheit um die Aufmerksamkeit ihrer Mutter Ines konkurrieren. Nach einer Reise kehren sie ins elterliche Haus in Norddeutschland zurück. Dort brechen nicht nur alte Verletzungen auf, sondern eine Reihe von Irritationen torpediert auch den scheinbar geordneten Alltag: mysteriöse Asche im Haus, die langjährige Verbindung der Mutter zu einer ungarischen Eselfarm und Geldüberweisungen, die niemand so recht erklären kann.

Pels zweiter Spielfilm ist ein Drama, in dem sich die Rivalität der Schwestern an einer exzentrischen Mutter entzündet, die diese Konkurrenz eher befeuert als befriedet. Die Frage, ob Ines manipulativ handelt oder schlicht von ihren eigenen Launen getrieben ist, bleibt bewusst in der Schwebe und bildet den moralischen Graubereich, in dem sich die Figuren bewegen.

Blickführung, Körper, Essen

Rosanne Pel inszeniert dieses Dreieck mit einer formalen Entschiedenheit, die sich jeder heimeligen Familienerzählung verweigert. Die unruhige Handkamera kreist in vielen Szenen eng um die Körper, sucht die Gesichter ab und verwandelt den Raum immer wieder in eine klaustrophobische Arena.

Die Auseinandersetzungen am Tisch, Kommentare zu Diät und Figur sowie das unappetitlich inszenierte Essen fungieren dabei als Symptome eines traumatischen Erlebnisses, das nicht in Rückblenden erklärt, sondern über Rituale erfahrbar gemacht wird. Dass der Esstisch zum Schlachtfeld und die Mahlzeit zur Waffe wird, ist dabei kein subtiler, aber ein wirkungsvoller Einfall: Jede Gabel, jeder Bissen trägt die Geschichte vergangener Demütigungen in sich.

Die Tonspur verstärkt dieses Gefühl: In der Klanggestaltung genügt schon eine falsche Klaviertaste, um die ohnehin schmerzhaften Dialoge wie einen Schlag wirken zu lassen. Hinzu kommen ironische Brechungen wie der Schlager „Mein Freund, der Baum“ und klassische Musik. Sie unterjubeln den heftigsten Auseinandersetzungen eine leichte und lebensbejahende Note und verhindern so, dass der Film vollends in düsterem Pathos versinkt.

Zwischen Realismus und Groteske

Aus erzählerischer Sicht geht Pel ein durchaus riskantes Experiment ein. Die ersten zwei Drittel des Films sind eine verlängerte Einführung, die sich weigert, auf ein klares Ziel hinzuzufließen. Stattdessen werden Situationen variiert, Konflikte wiederholt und Fronten minimal verschoben. Dieses Verfahren soll die Zuschauer:innen direkt in die Köpfe der Schwestern versetzen. Dass „Donkey Days“ dabei weniger um die Geschichte und die Vermittlung einer bestimmten Botschaft als um die Stimmung geht, ist eine bewusste, auteuristische Setzung.

Allerdings bleibt „Donkey Days“ in Rhythmus und Struktur unausgeglichen, verliert mitunter in seinen eigenwilligen Abschweifungen die Richtung und entwirft doch ein nachdenklich stimmendes Porträt einer durch Rivalität und konditionierte Zuneigung deformierten Familie. Die Mischung aus realistischen Beobachtungen und surrealen Einsprengseln – allen voran der titelgebende Esel, der zeitweise eine eigenartige Präsenz im Familiensystem gewinnt – verschafft dem Film eine unverwechselbare Identität.

Deutschsein, Mutterbilder, Ironie

Besonders spannend ist, wie stark „Donkey Days“ im internationalen Diskurs als Kommentar zum „Deutschsein“ gelesen wird. In einem niederländischen Letterboxd-Beitrag wird dies als „Experimenta Germanophobia“ bezeichnet: Die Schwestern werden als Verkörperung einer „radikalen postnazistischen deutschen Identität“ dargestellt – ängstlich, rationalisierend, perfektionistisch und unfähig zu trauern –, die Mutter als stereotype hedonistische Abstumpfungsfigur. Allerdings gerate die Konstellation zu schwarz-weiß, der Humor sei „clunky“, also hölzern, zu behauptet statt organisch entwickelt.

Diese Kritik markiert einen wunden Punkt. Pel arbeitet bewusst mit Typisierungen: Die impulsive Anna, die kontrollfixierte Charlotte und die exzentrische, emotional unzuverlässige Mutter Ines sind weniger psychologisch ausdifferenziert als vielmehr funktional in einem Machtgefüge angeordnet. Das schafft Klarheit in den Beziehungen, kann aber den Eindruck verstärken, es hier mit einem Thesenfilm über familiäre Dysfunktionen und deutsche Neurosen zu tun zu haben.

Bemerkenswert ist außerdem, wie sehr Pel das Mutterbild verweigert: Ines ist weder Dämon noch Opfer, sondern eine zumutungsreiche, widersprüchliche Figur, die genau dadurch real wirkt. Dass die Filmemacherin bereits in ihrem Debüt „Light as Feathers“ eine toxische Mutter-Kind-Dynamik untersucht hat, ist hier kein Zufall, sondern deutet auf ein wiederkehrendes Werkinteresse an familiärer Gewalt hin, das nicht im Sozialdrama, sondern im Zwielicht von Groteske und Melodram erkundet wird.

Fazit: Mut zur Zumutung

„Donkey Days“ ist kein Film, den man mit einem simplen „sehenswert“ oder „verzichtbar“ abtun kann. Er ist ein Werk, das sich sperrt, das sein Publikum mit bewusst „unangenehm“ arrangierten Szenen konfrontiert und auf narrative Entlastung weitgehend verzichtet. Das kann als prätentiös oder ungerichtet empfunden werden und ist somit sowohl Schwäche als auch Stärke des Films. Regisseurin Pel nimmt die häuslichen Kriege und die kleinen und großen Grausamkeiten der Familie ernst genug, um sie nicht in die Form einer versöhnenden Entwicklungskurve zu pressen.

Wer bereit ist, sich auf ein eigenwilliges, leicht absurdes Familiendrama über Rivalität unter Schwestern, Mutterliebe und einen Esel einzulassen, wird einen Film entdecken, der um die richtige Balance zwischen Schmerz und Ironie ringt. „Donkey Days“ ist somit weniger ein harmonisches Ganzes als ein nervöses, widersprüchliches Gewebe – und gerade deshalb ein interessanter Beitrag zum aktuellen europäischen Autorenkino.

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Donkey Days
Niederlande/Deutschland 2025 | Familiendrama | 108 Minuten
Regie: Rosanne Pel | Besetzung: Jil Krammer, Susanne Wolff, Hildegard Schmahl

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