Am Sonntag fand im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt Kiew die 10. KyivPride statt. Mit rund 5.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern verzeichnete sie laut den Organisatoren die größte Beteiligung seit Beginn des russischen Großangriffs auf die Ukraine im Jahr 2022. Sie zogen durch die Innenstadt, um für Gleichberechtigung und die Anerkennung von LGBTIQ+-Familien einzutreten.
Größte Pride-Veranstaltung seit Kriegsbeginn
Der Marsch begann in der Nähe der Nationalen Universität Kiew und führte über eine Strecke von mehr als einem Kilometer durch die Innenstadt bis zum Platz der ukrainischen Helden. Die Veranstaltung dauerte rund zwei Stunden. Aufgrund eines Luftalarms und der Aktivität der ukrainischen Luftabwehr wurde der Marsch vorzeitig unterbrochen.
KyivPride erklärte, die Demonstration habe LGBTIQ+-Personen, Soldat:innen, Veteran:innen, Menschenrechtsaktivist:innen, Diplomat:innen sowie Unterstützer:innen aus dem ganzen Land zusammengebracht.
Diplomaten zeigen Unterstützung
An der Veranstaltung nahmen zahlreiche internationale Vertreter teil. Unter ihnen waren Delegationen und Diplomaten aus Australien, Kanada, Schweden, den Niederlanden, Deutschland, Italien, Norwegen, Belgien, Großbritannien, Finnland, Spanien, Dänemark und Frankreich. Auch Vertreter:innen der Europäischen Union, des Europarats, der Vereinten Nationen und der Weltbank waren anwesend.
„Ich denke, es ist wichtig, an der Seite der Ukraine zu stehen”, sagte die kanadische Botschafterin Natalka Cmoc dem Kyiv Independent gegenüber. „In der Ukraine kämpfen Menschen aus der LGBTIQ+-Community an der Front. Sie wollen dieselben Rechte wie alle anderen.“
Gegenproteste bleiben friedlich
Parallel zum Pride-Marsch versammelten sich die Gegner der Veranstaltung im Stadtzentrum. Unter den Teilnehmern befanden sich auch rechtsgerichtete Aktivisten. Die Demonstranten riefen Parolen wie „Tradition, Familie, Ordnung“ und „Eine geeinte Ukraine“.
Es kam zu keinen größeren Zwischenfällen. Die Polizei berichtete später, dass beide Veranstaltungen friedlich verlaufen seien. Im Vorfeld hatte die Stadtverwaltung alle Beteiligten dazu aufgerufen, die Rechte anderer Menschen zu respektieren und auf Provokationen oder aggressives Verhalten zu verzichten.
Forderungen nach rechtlicher Gleichstellung
Bei der diesjährigen KyivPride standen Forderungen nach einer stärkeren rechtlichen Absicherung von LGBTIQ+-Personen und ihren Familien im Mittelpunkt. Die Organisator:innen kritisierten einen Entwurf für ein neues Zivilgesetz, der die Ehe weiterhin als Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau definiert.
Sie forderten die Regierung auf, eingetragene Partnerschaften für gleichgeschlechtliche Paare anzuerkennen und die ukrainische Gesetzgebung stärker an europäische Gleichstellungsstandards anzupassen. Derzeit erkennt die Ukraine weder gleichgeschlechtliche Ehen noch eingetragene Partnerschaften an.
Zudem verlangten die Veranstalter umfassende Gesetze gegen Hasskriminalität aufgrund sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität sowie einfachere Verfahren für trans Personen bei der Änderung offizieller Dokumente.
Soldaten fordern gleiche Rechte
Unter den Teilnehmenden befanden sich auch Angehörige der ukrainischen Streitkräfte. Ein 31-jähriger Soldat mit dem Rufnamen „Psikh“ betonte, wie wichtig ihm die Anerkennung von Partnerschaften ist. „Als Soldat ist es für mich sehr wichtig, dass Rechte und Partnerschaften für alle Menschen in der Ukraine gelten“, sagte er.
Eine gesetzliche Anerkennung würde es Partnern beispielsweise ermöglichen, sich im Krankenhaus zu besuchen, gemeinsam Eigentum zu verwalten und rechtlich abgesicherte Beziehungen zu führen.
Er betonte zudem, dass viele queere Menschen in den Streitkräften dienen. „Die Menschen sollten wissen, dass es LGBTIQ+-Personen gibt, dass es viele von ihnen sind und dass sie in der Armee dienen“, sagte er.
Wachsende Unterstützung in der Gesellschaft
Umfragen zeigen eine zunehmende Akzeptanz von LGBTIQ+-Rechten in der ukrainischen Gesellschaft. So sind laut einer Erhebung des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie aus dem Jahr 2024 mehr als 70 Prozent der Ukrainer der Ansicht, dass LGBTIQ+-Personen die gleichen Rechte wie alle anderen Menschen haben sollten.
Auch Präsident Wolodymyr Selenskyj hat sich zuletzt gegen Diskriminierung ausgesprochen. Anfang Juni bezeichnete er Homophobie als „Vorurteile von Menschen aus dem 15. Jahrhundert“ und fügte hinzu: „Sie und ich sind moderne Menschen.“

