Bei Temperaturen von bis zu 40 Grad Celsius haben am Samstag Zehntausende Menschen in Budapest an der diesjährigen Pride-Parade teilgenommen. Es war die erste Veranstaltung dieser Art seit der Abwahl des langjährigen rechtsnationalistischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán. Viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, vor allem junge Menschen, schwenkten Regenbogenfahnen und äußerten die Hoffnung, dass sich die Lage für queere Menschen unter der neuen Regierung verbessern könnte.
Hoffnung nach dem Machtwechsel
Schätzungen eines AFP-Fotografen zufolge beteiligten sich mindestens 100.000 Menschen an der Demonstration. Das waren weniger als im Vorjahr, als sich trotz eines staatlichen Verbots mehr als 200.000 Menschen auf die Straße gewagt hatten. Gleichzeitig lag die Teilnehmerzahl deutlich über jener der Jahre vor 2025.
Aufgrund der extremen Hitze hatten die Organisatoren besonders gefährdete Menschen gebeten, die Veranstaltung von zu Hause aus im Internet zu verfolgen. Entlang der Strecke verteilten Soldatinnen und Soldaten der ungarischen Streitkräfte kostenlos kaltes Wasser an die Teilnehmenden.
„Wir sind stolz auf uns und auf alle anderen, dass wir uns trotz der gefühlten 50 Grad auf dem Asphalt auf die Straße gewagt haben“, sagte die 53-jährige Lehrerin Zsuzsanna Naszalyi.
Viele junge Menschen setzen auf Veränderungen
Zu den Teilnehmenden gehörte auch die 18-jährige Petra Toth aus Südungarn, die gemeinsam mit einer Freundin angereist war und ihre erste Pride besuchte. „Ich denke, die Situation wird immer besser, vor allem wegen des Regierungswechsels“, sagte sie gegenüber der Nachrichtenagentur AFP.
Auch andere Besucher zeigten sich vorsichtig optimistisch. So erklärte der 60-jährige Balazs Moczar-Boor, er und sein Partner hätten sogar darüber nachgedacht, Ungarn zu verlassen, falls Orbán an der Macht geblieben wäre. Nun habe sich die Stimmung im Land „wirklich gewandelt“.
Eine aus Nordungarn angereiste Teilnehmerin namens Lidia sagte, Budapest sei bei der Akzeptanz sexueller Minderheiten „seiner Zeit voraus“. Auf dem Land sehe die Situation jedoch anders aus. Sie hoffe, dass homosexuelle Paare künftig heiraten und Kinder adoptieren könnten, rechne aber damit, dass dieser Wandel Zeit brauche.
Orban hatte Pride verboten
In den vergangenen Jahren stand die Budapest Pride im Mittelpunkt eines politischen Konflikts. Orbáns Regierung hatte die Demonstration im Vorjahr unter Berufung auf ein Anti-LGBTI-Gesetz aus dem Jahr 2021 von den Behörden verboten, das 2025 noch verschärft wurde. Die Regierung argumentierte, Pride-Veranstaltungen würden die Rechte von Kindern auf eine „moralische und geistige Entwicklung” verletzen.
Trotz des Verbots organisierte Budapests Grüner Bürgermeister Gergely Karácsony die Parade. Mehr als 200.000 Menschen nahmen daran teil und setzten damit ein deutliches Zeichen gegen Orbans Politik gegenüber der LGBTI-Community in den vergangenen Jahren.
Im Jänner wurde deshalb Anklage gegen Karácsony erhoben. Anfang Juni stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren jedoch ein. Bereits im April hatte der Europäische Gerichtshof entschieden, dass mehrere ungarische Anti-LGBTI-Gesetze gegen die Grundfreiheiten der Europäischen Union verstoßen.
Neue Regierung hält sich bei Reformen zurück
Nach dem Wahlsieg im April beendete der konservative und proeuropäische Ministerpräsident Péter Magyar mit seiner Tisza-Partei die 16-jährige Regierungszeit Orbáns. Während seines Wahlkampfs vermied er konkrete Aussagen zu LGBTIQ+-Rechten, sprach sich jedoch mehrfach für Gleichberechtigung und Versammlungsfreiheit aus.
Bislang hat seine Regierung allerdings keine konkreten Schritte angekündigt, um die unter Orbán eingeführten queerfeindlichen Gesetze zurückzunehmen. Magyar erklärte lediglich, seine Regierung wolle den Menschen nicht vorschreiben, wie sie zu leben hätten.
„Wir haben deutlich gemacht, dass nach unserer Auffassung jeder frei ist, zu lieben, wen er will, und mit wem er leben möchte, solange er nicht gegen das Gesetz verstößt”, sagte Magyar Anfang Juni auf die Frage nach der Ehe für alle und dem Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare. Zugleich betonte er: „Wenn der Wunsch besteht, diese gesellschaftlich und politisch sensiblen Themen zu diskutieren, sind wir dafür offen.”
Menschenrechtsorganisationen erhöhen den Druck
Zuletzt forderten mehrere Menschenrechtsorganisationen die neue Regierung auf, die unter Orbán beschlossenen Anti-LGBTI-Gesetze aufzuheben. Amnesty International sprach sich zudem für die Einführung gleicher Rechte für gleichgeschlechtliche Paare aus.
Laut einer aktuellen Umfrage des Instituts Median befürworten 68 Prozent der ungarischen Bevölkerung die Ehe für alle sowie das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare. Während der gesamte Pride-Monat erstmals von einer Regenbogenflagge am Budapest Park, dem größten Open-Air-Veranstaltungsort der Hauptstadt, begleitet wurde, kam es am Rande der Demonstration zu zwei Festnahmen, nachdem Teilnehmer mit Gemüse beworfen worden waren.

