In den USA sorgen die Urteile gegen die acht Angeklagten im Zusammenhang mit einer Demonstration vor dem Prairieland Detention Center im texanischen Alvarado für massive Kritik und Unverständnis. Erstmals wurden Menschen in den USA wegen Straftaten verurteilt, die die Behörden als „Antifa-Terrorismus” einstufen. Unter den Verurteilten befinden sich die trans Frauen Autumn Hill und Meagan Morris sowie die nichtbinäre Person Benjamin Song. Sie erhielten gemeinsam Freiheitsstrafen von 200 Jahren. Insgesamt summieren sich die Urteile gegen alle Angeklagten auf 450 Jahre.
Terrorismusvorwurf prägt den gesamten Prozess
Die Anklagen basierten auf einer Demonstration gegen die US-Einwanderungsbehörde ICE, die am 4. Juli 2025 stattfand. Während der Proteste wurden Feuerwerkskörper gezündet, Fahrzeuge beschädigt und Wände mit Parolen besprüht. Als Polizeikräfte eintrafen, fielen Schüsse.
Laut der Darstellung der Staatsanwaltschaft traf Benjamin Song einen Polizeibeamten mit einem Schuss und wurde deshalb unter anderem wegen versuchten Mordes zu 100 Jahren Haft verurteilt. Die Verteidigung widersprach dieser Darstellung jedoch massiv: Song habe geschossen, nachdem ein Polizist seine Waffe auf fliehende, unbewaffnete Demonstrierende gerichtet habe. Der Schuss habe der Deeskalation dienen sollen.
Diese Darstellung wurde jedoch nicht überprüft: Bundesrichter Mark Pittman untersagte den Angeklagten, sich auf Notwehr oder Nothilfe zu berufen. Diese Entscheidung zählt zu den am stärksten kritisierten Aspekten des Prozesses.
Jahrzehntelange Strafen auch ohne eigene Gewalttat
Ebenfalls umstritten ist die Tatsache, dass nicht alle Verurteilten selbst Gewalt ausgeübt haben sollen. So befand sich Meagan Morris nach Angaben der Verteidigung bereits im Auto und verließ den Schauplatz, als die Schüsse fielen. Dennoch wurde sie ebenso wie Autumn Hill zu jeweils 50 Jahren Haft verurteilt – wegen materieller Unterstützung terroristischer Straftaten.
Kritiker:innen zufolge wurde der Terrorismusbegriff dadurch erheblich ausgeweitet: Sie verweisen darauf, dass sich die Angeklagten vor der Demonstration kaum oder gar nicht kannten und die behauptete „Antifa-Zelle“ unter anderem aus schwarzer Kleidung, der Nutzung der Messenger-App Signal und beschlagnahmten politischen Schriften konstruiert worden sei. Auch die Entscheidung, die Strafen nacheinander statt parallel zu verhängen, führte zu Haftzeiten von mehreren Jahrzehnten.
Queere Angeklagte geraten besonders in den Fokus
Der Fall hat auch deshalb große Aufmerksamkeit erregt, weil mehrere trans- und nichtbinäre Menschen auf der Anklagebank saßen. Dies ist eine Entwicklung, die über das eigentliche Strafverfahren weit hinausgeht. Bereits im Jahr 2025 hatten konservative Organisationen und Medien verstärkt versucht, trans Identitäten und linken Aktivismus miteinander zu verknüpfen. Begriffe wie „Transtifa” machten in rechten Medien die Runde und trugen dazu bei, ein Feindbild zu schaffen.
Die Verurteilungen erfolgten zwar formal wegen Terrorismusvorwürfen im Zusammenhang mit der Einstufung als „Antifa“. Menschenrechtsorganisationen und Unterstützer:innen warnen jedoch davor, dass queere Personen in einem ohnehin aufgeheizten politischen Klima dadurch besonders leicht kriminalisiert werden könnten.
Sorge um trans Gefangene in Texas
Zudem wird Kritik an den Haftbedingungen der beiden Transfrauen laut. Autumn Hill und Meagan Morris sind in einem Männergefängnis in Johnson County inhaftiert. Laut dem DFW Support Committee werden den beiden zudem Hormonpräparate und geschlechtsspezifische Versorgung verweigert.
Für trans Frauen bedeutet eine Inhaftierung in Männergefängnissen ein erhöhtes Risiko für Diskriminierung, Gewalt und erschwerten Zugang zu medizinischer Versorgung.
Unterstützer:innen warnen vor politischem Signal
Das DFW Support Committee ist überzeugt, dass mit den Urteilen ein Zeichen gegen Protestbewegungen gesetzt werden soll. Die Initiative bezeichnet die Verurteilten als Menschen, die aus Solidarität mit inhaftierten Migrant:innen gehandelt haben. Die außergewöhnlich hohen Haftstrafen dienten ihrer Einschätzung nach dazu, künftige Proteste abzuschrecken. Auch Rechtsexpert:innen sind beunruhigt, weil der Terrorismusbegriff in diesem Verfahren deutlich weiter ausgelegt wurde als bisher üblich.
Das US-Justizministerium weist diese Kritik zurück. Es sieht in den Urteilen eine konsequente Reaktion auf einen bewaffneten Angriff auf Bundesbeamte und wertet das Verfahren als Beleg dafür, dass Angriffe auf staatliche Einrichtungen konsequent verfolgt werden. Gegen die Verurteilungen werden laut der Verteidigung Rechtsmittel vorbereitet.

