Adnan, Kunststudent, hütet die Wohnung und Katze seines Onkels in Brooklyn und absolviert ein Praktikum in einer Galerie, in der die expliziten Kreuzstich-Stickereien des älteren Künstlers Sal ausgestellt sind. Dazwischen: Grindr-Treffen, Cruising im Park, ein Essenskurier namens Yariel, eine alte Affäre mit Sal und eine Beziehung zu Iggie, die schon bröckelt.
Regisseur Lucio Castro erzählt diese Geschichte nicht als sauberen Plot, sondern in mehreren Kapiteln über zwei Sommer hinweg, die zeitlich springen und sich ineinander schieben. Man hat das Gefühl, Adnan beim Erinnern zuzuschauen: Einmal ist man mittendrin im Hook-up, dann plötzlich wieder bei Sal und anschließend im Nachklang einer Beziehung – genauso, wie unser eigenes Gedächtnis queere Lust zusammensetzt.
Queere Hook‑ups ohne Moralkeule
Der Schlüssel zu diesem Film ist die Park-Szene mit Yariel: Erst haben die beiden schnellen Sex im Schatten, dann teilen sie sich auf einer Bank die übrig gebliebenen Drunken Noodles, ohne sich ihre Namen zu sagen. Das Ergebnis ist unaufgeregt sexy und gleichzeitig erstaunlich zärtlich – ein Moment, den viele von uns von Tinder-Dates kennen, der aber selten so gezeigt wird.
Der Film urteilt nicht über dieses Verhalten. Es gibt keine „Dating-App-hat-die-Liebe-kaputtgemacht“-Rhetorik und auch kein Drama darüber, ob aus dem Hook-up „etwas Ernstes“ entsteht. Stattdessen zeigt Castro das, was schwule Menschen täglich erleben: kurze Begegnungen, zwischen denen sich trotzdem so etwas wie Beziehung und Vertrautheit bilden – auch mit Lieferfahrern, älteren Künstlern oder Ex-Freunden, die man nie so ganz loswird.
Kunst und Körper: Sal Salandra als heimlicher Star
Die Galerie, in der Adnan sein Praktikum macht, ist nicht nur ein hübscher Hintergrund, sondern das Herz des Films. An den Wänden hängen Sal Salandras homoerotische Stickereien – Männer in Jockstraps, Gruppensex, Fantasieszenen –, während Adnan in seinem echten Leben ähnliche Konstellationen erlebt.
Wenn Yariel mit mehreren Männern in Adnans Wohnung auftaucht und alle in Jockstraps in einer Reihe stehen, wirkt das wie eine Kreuzsticharbeit, die plötzlich lebendig geworden ist. Es ist, als würden queere Körper nahtlos in lebendige Skulpturen übergehen – und genau so fühlt es sich an: Kunst, Pornocodes und reale Lust fallen ineinander. Dass Castro einem schwulen Textilkünstler so viel Platz gibt, ist nebenbei auch ein starkes queerkulturelles Statement.
Ton und Stil: Süffig, langsam, ein bisschen benebelt
„Drunken Noodles“ sieht genau so aus, wie er klingt. Sommerhitze, Schweiß, Waldlichtungen, Großstadtlicht, viel Golden Hour. Festivals wie das New York Film Festival und das BFI Flare sprechen von einem sinnlichen und seltsam beruhigenden Film – 82 Minuten aus Sex, Spaziergängen und spät-sommerlichem Blues, die eher vorbeiziehen, als auf einen großen Knall hinzusteuern.
Die Zeitstruktur ist bewusst verwirrend: Rückblenden, Sprünge und magischer Realismus, bei dem nicht immer klar ist, ob man gerade eine Erinnerung, eine Fantasie oder die Realität sieht. Castro selbst sagt, er habe einen Film über queere Begierde in umgekehrter Reihenfolge geschrieben – wir folgen Adnan rückwärts durch Hook-ups und Beziehungsenden, bis wir verstehen, wie er an diesen Punkt gelangt ist. Das ist filmisch spannend und passt zu der Idee, dass queere Identität aus Fetzen und Momenten entsteht und nicht aus einer linearen Biografie.
Stärken, Schwächen – und warum der Film trotzdem wichtig ist
Der Film ist immer dann stark, wenn er genau hinschaut: auf peinliche Nachgespräche nach dem Sex, auf das leicht unbehagliche Zusammensein mit einem früheren Liebhaber, auf die plötzlich sehr laute Stille nach einem Hook-up. Er zeigt, wie kurz Sex die Einsamkeit lindert und wie sie danach wiederkommt – aber selten ganz dieselbe ist.
Ja, es gibt Schwächen. Einige Figuren – gerade Yariel – bleiben eher Projektionsflächen, statt dass der Film ihre Lebensrealität wirklich ausleuchtet. Wer „End of the Century“ geliebt hat, findet „Drunken Noodles“ vielleicht emotional dünner.
Aber gerade aus queerem Blickwinkel lohnt er sich enorm. Weil er die Hook-up-Kultur ernst nimmt, ohne zu moralisieren. Weil er zeigt, dass der schwule Alltag aus Parks, Lieferdiensten, Kunstjobs und Katzen besteht und dass in diesen vermeintlich banalen Settings viel Begehren, Traurigkeit und Verbindung stecken. Dadurch fühlt sich „Drunken Noodles“ insbesondere für die schwule Community weniger wie exotischer „Gay Content“ und mehr wie Wiedererkennung an.


