Freitag, 19. April 2024
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Von Prater bis Dianabad: Die queere Leopoldstadt in der NS-Zeit

Das Wien Museum setzt starke Akzente - auch außerhalb seines Haupthauses: Ab 14. Februar gibt es im Bezirksmuseum Leopoldstadt eine Ausstellung über Männer und Frauen, die während des Nationalsozialismus wegen ihrer Homosexualität verfolgt wurden.

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Normalerweise gelten Wiener Bezirksmuseen als Orte kleinteiliger Liebhaberei, in der die vergangenen Zeiten verklärt betrachtet werden. Dass dieses Vorurteil nicht stimmt zeigt das Bezirksmuseum Leopoldstadt in der Karmelitergasse ab 14. Februar mit der Ausstellung „Als homosexuell verfolgt. Leopoldstädter Schicksale aus der NS-Zeit“.

17 Schicksale in der Maschinerie der Nazis

Kuratiert wird die Ausstellung von Andreas Brunner von QWIEN – dem Wiener Zentrum für queere Geschichte. Er stellt darin eindrücklich 17 Lebensgeschichten vor. „Entscheidend bei der Auswahl der Geschichten war eine große Diversität der Schicksale“, so Brunner.

Dabei war die Rekonstruktion dieser Lebensgeschichten schwierig. „Wir haben nur die Dokumente der Verfolgung als Quelle. Diese sind in einer behördlichen, oft abwertenden Sprache verfasst und dienten einem Zweck: Sie sollten die Verdächtigen des Verbrechens der ‚Unzucht wider die Natur‘ überführen. Zwischen den Zeilen erzählen die Strafakten auch von Einschüchterung und Gewalt durch die Gestapo und Kripo, die die Ermittlungen führten.“

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Queeres Leben als Teil der Wiener Stadtgeschichte

Mit diesen Lebensgeschichten tauchen die Besucher:innen aber auch tief in die reiche homosexuelle Subkultur der Zwischenkriegszeit ein. „Es ist wichtig diese Lebensgeschichten als Teil der Wiener Stadtgeschichte zu begreifen“, betont Brunner. „Auch wenn sie im Verborgenen leben mussten, gehörten Menschen, die gleichgeschlechtlich begehrten, zum diversen Leben der Großstadt Wien.“

„Es wird auch eine Geschichte des Praters und seines Umfelds erzählt, die bislang unbekannt und unsichtbar war“, so Brunner. Denn der Prater selbst, aber auch Lokale wie das Gasthaus „Zur schönen Schäferin“ im Wurstelprater oder das „Eminger“ am Praterstern – heute übrigens das Gasthaus Hansy – waren Teil eines bunten schwulen und lesbischen Lebens in der Leopoldstadt.

Volksprater WienMuseum

„In Gaststätten unterhielten ‚Damenimitatoren‘, vor den Kinos warteten junge Männer auf Kunden, der große Gastgarten der Schönen Schäferin war auch bei Lesben beliebt – Freundeskreise, Sex und Liebschaften, Liebe und Beziehungen. All das gab es trotz Verfolgung“, erzählt Brunner.

Schwule und lesbische Baderunden in der Leopoldstadt

Auch das Dianabad und vor allem das Römische Bad in der Kleinen Stadtgutgasse zählten in Zeiten, in den Homosexualität verboten war, zu beliebten Treffpunkten für Männer, die Männer liebten. Wobei das Römische Bad auch das einzige in Wien ist, für das es Hinweise auf lesbische Baderunden gab.

„Gerade im Umfeld des Praters, mit seinem ständigen Kommen und Gehen und seiner verminderten sozialen Kontrolle, konnten auch lesbische Frauen und homosexuelle Männer ihre Nischen finden“, erklärt Brunner. Doch die immer intensiver werdende Verfolgung durch die Nazis zerstörte diese kleinen Biotope, aber auch die Leben der Betroffenen selbst. Einige kamen mit einer Kerkerstrafe davon, andere wurden in Konzentrationslagern ermordet oder hingerichtet.

Im Netz der Nazis verfingen sich vor allem Unterprivilegierte

Im Netz der nationalsozialistischen Verfolgung verfingen sich vor allem Unterprivilegierte – und von denen gab es in der Leopoldstadt mehr als genug. Die Akten erzählen beispielsweise von drei Frauen, die von der Kripo verfolgt wurden oder von zwei homosexuellen Männern, die auch als „Juden“ klassifiziert wurden.

NS Strafsache QWIEN

Zu sehen ist im Bezirksmuseum Leopoldstadt auch, wie die Gestapo homosexuelle Freundeskreise aushob. In der Ausstellung werden Geschichten von Menschen erzählt, die ums Überleben kämpften und trotzdem ihrem Begehren folgten; Geschichten von Strichern, die von den Nazis mit besonderer Härte verfolgt wurden – und von überzeugten Nationalsozialisten, die ihre Gesinnung nicht vor Verfolgung schützte.

Mit der Ausstellung „Als homosexuell verfolgt. Leopoldstädter Schicksale aus der NS-Zeit“ setzt die Stabstelle Bezirksmuseen im Wien Museum die Zusammenarbeit von Bezirksmuseen mit QWIEN fort. Im letzten Jahr sind aus dieser Zusammenarbeit die Publikation „Als homosexuell verfolgt. Wiener Biografien aus der NS-Zeit“ und die Ausstellung „Als homosexuell verfolgt. Mariahilf in der NS-Zeit“ entstanden.

Als homosexuell verfolgt. Leopoldstädter Schicksale aus der NS-Zeit
14. Februar 2024 bis 26. Juni 2024

Bezirksmuseum Leopoldstadt | Karmelitergasse 9, 1020 Wien
Mittwoch 16:00-18:30 Uhr, Sonntag 10:00-13:00 Uhr; Eintritt frei

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