Freitag, 31. Mai 2024
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Das Chemsex-Problem der schwulen Szene – ein Hilfeschrei

Ein persönlicher Erfahrungsbericht

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Seit Ende 2012 bin ich in der schwulen Szene in Wien unterwegs, bin regelmäßig in der einschlägigen Nachtgastronomie ausgegangen, habe diverse Großveranstaltungen mitorganisert und mir ein enormes Netzwerk in der LGBTIQ*-„Community“ aufgebaut. Wie schon oft durchgekaut, bin ich selbst recht anfällig dafür (gewesen) und habe die Effekte von Alkohol und Drogen wie Kokain, Mephedron, Speed, GHB („Liquid Ecstasy“) usw. stark auszunutzen gewusst, bis zu dem Punkt hin, dass mein Leben eher von den Substanzen bestimmt war.

Auf mehrtägige Exzesse folgten mehrtägige Erholungsphasen

Sucht kann viele Formen annehmen. Bei mir bedeutet sie, dass ich den Großteil meines ohnehin schon gering vorhandenen Geldes ins Fortgehen getsteckt habe und mich eher in ein ähnlich verkorkstes Umfeld verdrückt habe, als mich meinen Problemen zu stellen. Ich bin in einen Teufelskreislauf gestolpert, der von Substanzen und der damit verbundenen Verdrängung bestimmt war. Meine Woche wurde zunehmend auf das Feiern ausgerichtet, nach oft mehrtägigen Exzessen war eine mehrtägige Erholungsphase quasi schon standardmäßig einzuplanen.

Jeder Versuch den Kreislauf zu durchbrechen wurde durch das Umfeld und meine eigenen Selbstwertprobleme beziehungsweise den damit verbundenen Schutz- und Verdrängungsmechanismen zunichte gemacht. Meine Energie, mein Antrieb, meine Motivation waren am Boden.

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Vom vielversprechenden Politaktivisten zum armutsgefährdeten Barkeeper

Suizidgedanken waren gerade im letzten Jahr keine Seltenheit, das Leben erschien mir nicht mehr zu meistern: Mein ruinöser Abstieg über die Jahre vom vielversprechenden Politikaktivisten bis hin zum armutsgefangenen Barkeeper, der die meiste Freizeit am Arbeitsplatz „vertrank“, machte mir enorm zu schaffen und jegliche Zukunftaussichten erschienen mir schwarz wie die Nacht. Der Kontakt zur Familie und zu eigentlich wirklich guten („normalen“) Freunden verflüchtigte sich.

Ich war da aber nicht alleine. Ich umgab mich mit einem Umfeld, dem es mehrheitlich ähnlich erging.

Wer sich selbst nicht liebt, kann auch niemand anderen lieben

Ich denke, dass ein großer Teil homosexueller Menschen ein gewisses Problem mit ihrem Selbstwert hat, vielen ist das natürlich nicht bewusst. Durch ein Aufwachsen in permanenter Präsenz des eigenen „Andersseins“ aufgrund der leider noch nicht mehrheitlich vorhandenen gelebten Toleranz, Akzeptanz und echten Inklusion, internalisieren viele homosexuelle Menschen ein gewisses Minderwertigkeitsgefühl.

Nicht umsonst sind auch so viele schwule Männer ihr Leben lang meist Single und haben nur oberflächliche Sexdates, sind sogar überzeugt davon, dass sie genau nur das wollen. Denn klar: Wer in der Lage ist, andere zu lieben und Liebe von anderen wirklich anzunehmen, der muss zuallererst einmal lernen sich selbst zu lieben. Und für viele ist das ein lebenslanger Prozess.

Man sieht diese Problematik beispielsweise auch daran, dass gerade unter schwulen Männern der Drang nach (äußerer) Selbstverwirklichung so groß ist. Sei es im Fitnessstudio, im Berufsleben oder im Kreativen – was ja auch alles seine klar ersichtlichen Vorteile hat. Die Ursache ist allerdings die Suche nach externer Bestätigung.

Chemsex-Parties nehmen im schwulen Nachtlieben rasant zu

Gerade seit meiner Arbeit im schwulen Nachtleben im ersten Halbjahr 2022 bin ich stark in Kontakt mit Chemsex-Parties und mehrtägigen Drogen-Parties gekommen, die in der Wiener schwulen Szene rasant zunehmen. Diese kommen oft nach normalen Fortgeh-Events zustande, wo bereits Drogen konsumiert werden und die Stimmung dann auch im privaten Bereich noch im Rahmen einer „Afterhour“ aufrechterhalten werden soll.

Männer, die sich attraktiv finden, gehen gemeinsam in Grüppchen nachhause in eine entsprechend geeignete Wohnung, in welcher dann weitergefeiert wird und es oft auch zu sexuellen (Gruppen-) Interaktionen kommt, die durch die Einnahme von anregenden Substanzen (Mephedron, GHB und ähnlichem) in wilden Rudelorgien enden können. Das kann dann auch mal zwei bis drei Tage durch gehen.

Drogen-Notfälle und jede Menge seltsamer Erlebnisse

Selbstverständlich ist dann keiner mehr bei klarem Verstand, und was ich da bei der ein oder anderen Gelegenheit erfahren durfte, sprengt jegliche Fantasie des Durchschnittsösterreichers. Viele Drogennotfälle, insbesondere auf GHB, durfte ich mitbehandeln, einmal habe ich im Rahmen dessen auch die Notbremse gezogen und für jemand anderen die Rettung gerufen.

Leider bin ich in dieser Zeit der moralisch grenzwertigen Eskapaden nur selten auf Mitmenschen gestoßen, die noch ähnlich bei Vernunft waren und entsprechende Mitmenschlichkeit an den Tag zu legen vermochten. Beinahe-Vergewaltigungen sind mir begegnet ebenso wie die Rücksichtslosigkeit, Partyteilnehmer, die schon zu viel hatten, in ihrem bedenklichen Zustand einfach vor die Tür setzen zu wollen.

Einmal ist jemand halbnackt aus seiner eigenen Wohnung gerannt und seine Freunde samt mir suchten ihn daraufhin über eine Stunde, bis die Meldung kam, er sei wie in Trance bei einer anderen solchen Homeparty aufgetaucht, hatte aber keine Erinnerungen mehr, wie er dorthin gekommen war.

Wer in einer solchen Spirale gefangen ist, soll sich Hilfe suchen

Menschen, die sich so etwas regelmäßig geben und dabei jedes Mal Grenzen überschreiten, Risiken eingehen und unmoralische Handlungen setzen, die sie nüchtern vielleicht nie tun würden – die haben rational gesehen klar ein Problem. Und ich kann nur jedem, der in einer ähnlichen Spirale gefangen ist wie ich es war, oder dem solche Ereignisse bekannt vorkommen, nur in aller Freundschaft bitten und auffordern, sich wie ich in Hilfe zu begeben.

Und zumindest Menschlichkeit an den Tag zu legen und anderen, denen es nicht so gut geht oder sie vielleicht im Rahmen des Konsums gar nicht mehr imstande sind ihre Lage zu beurteilen, bestmöglich zur Seite zu stehen und nicht nur ans eigene Wohlergehen und den eigenen Spaß im Moment zu denken.

Die Drogen werden billiger, die Konsumenten jünger

Mein Appell an die Institutionen der Stadt Wien ist natürlich klar: Bitte leistet da noch viel mehr proaktive Aufklärungsarbeit, zum Beispiel was Chemsex, dessen Risiken und Methoden zur Abwendung von Drogennotfällen angeht.

Erschreckend ist schlussendlich für mich auch das Alter der Protagonisten: Einige Konsumenten sind innerhalb weniger Monate auf eine Menge und ein Toleranzlevel von diversen Substanzen gekommen, welche ich innerhalb von 10 Jahren nicht erreicht habe. Was soll bei fortsetzendem Konsum mal aus diesen 17-, 18-, 19-, 20-Jährigen werden? Ein Gramm Mephedron ist leicht erhältlich und kostet teils nur 20 Euro. In die Suchtfalle zu tappen ist definitiv nicht mehr teuer.

Dorian Alexander Rammer war bereits Bezirksrat, Fotograf und hat sich in den letzten zehn Jahren vielfältig in der LGBTI-Community engagiert. Seit Anfang 2023 ist er nüchtern. Hier schildert er seine persönliche Erfahrung der letzten Jahre.