Sonntag, 26. Mai 2024
Sehenswert für alle, die einen unverblümten Blick auf das Leben eines jungen schwulen Mannes in Berlin werfen wollen
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[Video] Wenn die Großstadt für einen jungen Schwulen zum Haifischbecken wird

Mit „Drifter“ portraitiert Hannes Hirsch das chaotische Leben des jungen Moritz in der queeren Szene Berlins. Der Film beeindruckt mit seiner ungeschönten Darstellung und fesselnden Ästhetik, hat jedoch auch etwas Luft nach oben.

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Hannes Hirschs Filmdebüt „Drifter” ist ein echt spannendes Eintauchen in die vielfältige queere Szene Berlins in all ihren unterschiedlichen Facetten. Der Film nimmt uns mit auf eine 79-minütige Erkundungstour durch die nächtliche Stadt und ihre Bewohner. 

Eine 79-minütige Reise durch Moritz‘ Charakter – und Berlin

Dabei ist er nicht nur eine visuelle Reise, sondern auch eine tiefgreifende Charakterstudie über Moritz, gespielt von Lorenz Hochhuth. Dessen Leben verändert sich nach einer abrupten Trennung von seinem Freund Jonas, der von Gustav Schmidt gespielt wird, dramatisch.

Der Film beginnt mit provokanten Szenen, die schnell klarstellen, dass es sich hier nicht um einen konventionellen Liebesfilm handelt. Allerdings legen die anfänglichen, für einige vielleicht verstörenden Szenen die Grundlage für eine Erzählung, die sich eher durch ihre Charaktertiefe als durch schockierende Bildsprache auszeichnet. Denn Moritz muss sich nach der Trennung allein in Berlin nicht nur physisch, sondern auch emotional neu orientieren.

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Eine Welt, die gleichzeitig vertraut und bizarr fremd erscheint

Die Kameraführung von Eli Börnicke trägt maßgeblich zur Atmosphäre des Films bei und lässt den Zuschauer in eine Welt eintauchen, die gleichzeitig vertraut und bizarr fremd erscheint. Dazu kommt noch die von Elie Gregory komponierte Musik, die die emotionalen Schwankungen von Moritz‘ Erfahrungen widerspiegelt und verstärkt. Jede Einstellung, jeder Schnitt und jedes Stück Ton scheint darauf ausgerichtet zu sein, die innere Welt von Moritz und die äußere Welt Berlins miteinander zu verschmelzen.

Der Film thematisiert auch Körperbilder und Männlichkeitsvorstellungen in der schwulen Community. Das wird durch die Darstellung von Moritz’ Beziehungen und Begegnungen vertieft. Sein sozialer Abstieg, seine Experimente mit neuen Identitäten und seine Auseinandersetzungen mit unterschiedlichen Formen von Intimität werden sorgfältig und mit einer dokumentarischen Sensibilität dargestellt. Dadurch hebt sich der Film von anderen Erzählungen in diesem Genre ab.

Zeitweise wirkt die Erzählung ziellos

Der Film hat zweifellos seine Stärken, aber auch ein paar Schwachstellen. Vor allem das Erzähltempo und die Entwicklung des Protagonisten hätten etwas sorgfältiger gestaltet werden können. Manchmal scheint Film sogar zu authentisch zu sein, wodurch er etwas den Faden verliert. Dadurch wirkt die Erzählung stellenweise etwas ziellos.

Die Charakterisierung von Moritz ist nicht ganz rund und lässt den Zuschauer oft als bloßen Beobachter seiner Eskapaden zurück, ohne dass er richtig mitfiebert oder einen emotionalen Zugang zu ihm oder seinem sozialen Umfeld bekommt. Trotzdem ist „Drifter” ein beeindruckender Film, der durch seine ungeschönte Darstellung und seine fesselnde visuelle und auditive Gestaltung überzeugt. 

Eine einfühlsame Darstellung der Figuren und ihrer Umgebung

Hirsch hat eine seltene Fähigkeit: Er kann sowohl die rauen Kanten als auch die verletzliche Schönheit seiner Charaktere einfühlsam darstellen. Die Berliner Nachtlandschaft ist dafür die perfekte Kulisse. Der Film ist sowohl visuell ansprechend als auch emotional herausfordernd.

„Drifter” ist sehenswert für alle, die einen unverblümten Blick auf das Leben eines jungen schwulen Mannes in Berlin werfen wollen. Der Film bietet eine einzigartige Perspektive auf bekannte Themen und besticht durch seine Ästhetik sowie durch tiefgehende, wenn auch manchmal verwirrende, Einblicke in die Herausforderungen und die Schönheit des Queer-Seins in einer modernen Metropole.

Filmtipp
DrifterCover jpg
Drifter
Deutschland 2023 | deutsch-englisch | Drama | 79 Minuten
Regie: Hannes Hirsch | Besetzung: Lorenz Hochhuth, Cino Djavid, Gustav Schmidt
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