Russland statt Ukraine? EBU überlegt Verlegung des Song Contests

Die Arbeiten in Kiew würden Monate hinter dem Plan zurückstecken, heißt es.

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Auch, wenn die Ukraine den diesjährigen Song Contest in Stockholm gewonnen hat – dass der Bewerb nächstes Jahr im Mai auch in Kiew stattfindet, soll noch nicht fix sein. Denn die ukrainische Rundfunkanstalt NTU ist angeblich mit dem Zeitplan so weit im Verzug, dass die Europäische Rundfunk- und Fernsehunion (EBU) sich überlegt, die Veranstaltung an ein anderes Land zu vergeben.

Es war ein Moment des Triumphes, als die Krimtatarin Jamala im Mai den Eurovision Song Contest für die Ukraine gewonnen hat. Doch seitdem hatte man beim nationalen Veranstalter nur wenig Grund zum Jubeln. Die Bekanntgabe, in welcher Stadt der Bewerb stattfinden wird, wurde dreimal verschoben. Erst Anfang September wurde – nach unzähligen internen Streitigkeiten – die Hauptstadt Kiew als Veranstaltungsort präsentiert. Dass die Stadt die erwarteten 20.000 Song-Contest-Fans aufnehmen kann, wird mittlerweile von immer mehr Beobachtern der Situation bezweifelt.

Steigende Kosten und Chaos beim ukrainischen Rundfunk NTU

Aus Protest vor den immer höher werdenden Kosten, die auf die Rundfunkanstalt zukommen, ist der Generaldirektor der NTU im letzten Monat zurückgetreten. In einem offenen Brief warnt er, dass die Veranstaltung des Bewerbs „buchstäblich alles andere erdrückt“ und es zu Problemen mit dem Budget für den Song Contest und dem zukünftigen NTU-Budget kommen könnte.

Nun scheint die EBU die Reißleine zu ziehen: Am Donnerstag soll es ein nicht-öffentliches Treffen geben, in dem die Spitzen des europäischen Senderverbandes darüber entscheiden, ob der Eurovision Song Contest wirklich in der Ukraine stattfinden soll.

EBU denkt über Verlegung des Song Contest nach

Angeblich gibt es bereits einen Plan B, nachdem die deutsche ARD, die britische BBC, Schwedens SVT oder das staatliche russische Fernsehen den Bewerb abhalten sollen. Der NTU-Chef Alexander Kharebin hat eine entsprechende Drohung der EBU mittlerweile bestätigt.

Sollte der Song Contest nach Russland gehen, wäre das eine besondere Schmach für die Ukraine. Die beiden Länder sind unter anderem wegen der Annektierung der Krim durch Russland verfeindet. Jamalas Siegerlied handelte auch von der historischen Komponente dieses Konflikts.

Präsident der Ukraine über Verlegungs-Gerüchte empört

Das erzürnt wiederum den ukrainischen Ministerpräsident Wolodymyr Hrojsman. Er hat Berichte, dass der Song Contest nicht in Kiew stattfinden könnte, sondern einer russischen Stadt, auf Facebook empört zurückgewiesen. Das Land bereite sich auf den Bewerb vor, die Berichte seien „Propaganda“, die versuchen würden, „die Ukraine zu diskreditieren“.

Bereits Mitte November traf sich der internationale Lenkungsausschuss der EBU in Kiew, um sich über den aktuellen Stand der Planungen zu informieren. Jon Ola Sand, oberster ESC-Manager bei der EBU, teilte anschließend mit, es sei „noch viel Arbeit zu tun” und es müssten „noch viele Hürden” überwunden werden.

Von einer Verlegung des Bewerbs wären vor allem die Fans betroffen, die bereits Flüge und Hotels gebucht hätten. Tickets für die Semifinal-Bewerbe am 9. und 11. Mai und das große Finale am 13. Mai wurden noch nicht zum Verkauf freigegeben.

Die Ukraine wäre der erste Gewinner seit 37 Jahren, der den Bewerb im folgenden Jahr nicht bei sich ausrichtet. Zuletzt geschah dies 1980, als sich Israel nach dem zweiten Sieg in Serie nicht im Stande sah, den Wettstreit wieder zu veranstalten. Stattdessen fand der Song Contest in den Niederlanden statt.