Deutschland lockert Blutspendeverbot – und diskriminiert weiter

Risikogruppe statt Risikoverhalten: Neue Richtlinien werfen alle schwulen und bisexuellen Männer in einen Topf

Blutkonserven
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In Deutschland soll das Blutspendeverbot für schwule und bisexuelle Männer gelockert werden. Das geht aus einer Novelle der entsprechenden Richtlinie hervor, die heute offiziell vorgestellt wurde. Gleichstellung mit heterosexuellen oder transgender Spendern gibt es aber auch weiterhin nicht.

Schwuler Sex ist prinzipiell „Risikoverhalten“ – auch in monogamen Beziehungen

Zwölf Monate nach Beendigung „sexuellen Risikoverhaltens“ dürfen Schwule demnach in Deutschland künftig Blut spenden, weil dies „nicht zu einer Erhöhung des Risikos für die Empfänger von Blut und Blutprodukten führt“, heißt es in den überarbeiteten Richtlinien zur Blutgewinnung und zur Verwendung von Blutprodukten.

Damit gelten für schwule und bisexuelle Männer die gleichen Richtlinien für die Blutspende wie für Sexarbeiter. Die Novelle wurde von der Bundesärztekammer (BÄK) im Einvernehmen mit dem Paul-Ehrlich-Institut, dem deutschen Bundesinstitut für Arzneimittel und Impfungen, erarbeitet.

Das entspricht dem aktuellen Standard in anderen europäischen Ländern, die ebenfalls die Blutspende für schwule und bisexuelle Männer geöffnet haben: In der Schweiz ist eine entsprechende Regelung seit einem Monat in Kraft. Großbritannien wird diese Zeit vermutlich ab 2018 auf drei Monate reduzieren.

Die verantwortlichen reagieren auf politischen Druck – aber nicht mehr als nötig

Mit der Lockerung des Verbots reagieren die verantwortlichen Stellen nicht nur auf medizinische Erkenntnisse der letzten 20 Jahre. Auch die Politik machte Druck, die Rahmenbedingungen für die Blutspende anzupassen. Zuletzt machten die deutschen Bundesländer und Gesundheitsminister Hermann Gröhe von der CDU Druck.

Auch das Paul-Ehrlich-Institut hat ein Ende des generellen Blutspendeverbots für schwule und bisexuelle Männer empfohlen, ebenso ein gemeinsames Gutachten von Bundesgesundheitsministerium, Bundesärztekammer, Robert-Koch-Institut und Paul-Ehrlich-Institut.

Doch diskriminierend ist auch die neue Regel – weil sie von Risikogruppen ausgeht und nicht von Risikoverhalten. So darf ein gesunder monogamer schwuler Mann prinzipiell kein Blut spenden, wenn er mit seinem Partner Sex hat. Heterosexuelle und transgender Personen dürfen aber Blut spenden, solange sie kein persönliches „sexuelles Risikoverhalten“ an den Tag legen.

Deutsche Aids-Hilfe: „HIV-Infektion nach sechs Wochen feststellbar, längere Wartezeit unnötig“

Die Deutsche Aids-Hilfe oder der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) setzen sich schon seit längerem dafür ein, dass das tatsächliche Risikoverhalten der Spender bewertet wird und nicht deren sexuelle Orientierung. „Eine HIV-Infektion kann man heute sechs Wochen nach dem letzten Risiko sicher ausschließen. Diese Frist wäre nachvollziehbar – eine längere schließt viele Menschen weiterhin unnötig von der Blutspende aus“, so Holger Wicht, Sprecher der Deutschen Aids-Hilfe, zum „Tagesspiegel“.

Für Axel Hochrein, Sprecher des LSVD, sei es sogar das Ziel der neuen Richtlinie, schwule und bisexuelle Männer „weiterhin möglichst dauerhaft von der Blutspende auszuschließen“: Die Verfasser der neuen Richtlinie seien davon ausgegangen, „dass ein gesunder homosexueller Mann niemals ein Jahr lang zölibatär leben kann und wird, um dann endlich Blut spenden zu dürfen“, ärgert er sich.

Ob Safer Sex oder Risikokontakt – das ist beim Blutspenden egal

Es sei nicht nachvollziehbar, dass alle Männer, die Sex mit Männern haben, in einer Gruppe zusammengefasst werden: Jene, die Kondome verwendeten, hätten „mit Sicherheit ein weitaus geringeres Übertragungsrisiko als die Gruppe der MSM (Männer, die Sex mit Männern haben, Anm.), die das nicht tun“. Dasselbe gelte für jene schwulen Männer, die in einer monogamen Partnerschaft lebten. „Sie werden in keinem der Papiere erwähnt. Man tut einfach so, als ob sie dasselbe Übertragungsrisiko hätten wie promiske MSM, die unsafe mit anderen Männern verkehren“, so der LSVD-Sprecher.

Dass es anders geht, zeigen sechs der 28 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union: Bulgarien, Italien, Lettland, Polen, Portugal und Spanien betrachten nur das Risikoverhalten des Spenders und behandeln Schwule so wie heterosexuelle Männer.