Conchita erstmals in Russland: Von Palästen und heimlichen Familien

Putin-nahe Presse macht aus Conchita einen ehrbaren Familienvater, der zu dieser Rolle gezwungen wird

Conchita
ORF/Clever Content

Am Wochenende hatte die österreichische Song-Contest-Gewinnerin Conchita Wurst ihren ersten Auftritt in Russland: Als Stargast beim LGBT-Filmfestival „Bok o bok“ („Seite an Seite“) brachte sie dem unter Druck stehenden Festival Öffentlichkeit. Eine dem Kreml nahestehende Nachrichtenagentur versuchte unterdessen, aus Conchita einen heterosexuellen Familienvater zu machen.

Seit zehn Jahren gibt es „Bok o bok“ – und so mancher Stein wurde den Machern in den Weg gelegt. So gab es wiederholt staatliche Schikanen. Auch haben orthodoxe und nationalistische Kreise immer wieder gegen das Festival protestiert. Trotzdem hat sich das Festival mittlerweile zu einem Fixstern der russischen LGBT-Szene entwickelt.

St. Petersburger LGBT-Festival endet mit Österreich-Schwerpunkt

Am Samstag endete die Jubiläumsausgabe mit einem Österreich-Schwerpunkt. So wurde Händl Klaus’ schwules Beziehungsdrama „Kater“ aufgeführt, danach trat Conchita auf die Bühne und beantwortete die Fragen ihrer russischen Fans. Anschließend trat sie auch bei der Abschlussparty des Festivals auf. Dort gab sie dann auch ihren Hit „Rise like a Phoenix“ zum Besten.

Auch die russische Presse verfolgte den ersten Auftritt von Conchita aufmerksam. In Interviews mit liberalen Medien sprach sie unter anderem über die in Russland nicht selbstverständliche Gleichberechtigung sexueller Minderheiten. Nachrichtenagenturen zitierten außerdem Aussagen von ihrem Auftritt bei „Bok o bok“.

Der Scherz, einen Palast kaufen zu wollen, sorgte für Empörung in der Politik

Die staatliche Nachrichtenagentur Ria Nowosti zitierte Aussagen Conchitas, dass sie von den Palästen von St. Petersburg begeistert sei und sich gerne hier einen Palast kaufen würde. Das führte zu einem Kommentar des nationalistischen Vizepremierministers Dmitri Rogosin auf Facebook und Twitter.

Rogosin erinnerte dabei an eine für ihren Bartwuchs bekannte Petersburger Aristokratin des 18. Jahrhunderts und schrieb, dass es in der Stadt wohl nun bald eine touristische Tour zu den Palästen von zwei bärtigen Frauen geben werde. Später löschte der Vizepremier, der eigentlich für die russische Waffenindustrie zuständig ist, seinen Eintrag.

Conchita ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und wird zu dieser Rolle gezwungen

Besonders schräg schrieb die Kreml-nahe Nachrichtenagentur Regnum über den Auftritt von Conchita in St. Petersburg: Sie griff das Gerücht auf, dass Conchita gar nicht schwul sei. So werde Tom Neuwirth, die reale Person hinter Conchita Wurst, dazu gezwungen, als Frau aufzutreten. In Wahrheit wäre Neuwirth verheiratet, in einer heterosexuellen Beziehung und hätte sogar zwei Kinder. Als „Quelle“ wurde ein Boulevard-Kanal des Instant-Messaging-Dienstes Telegram angegeben.

Die Schlussfolgerung der regierungsnahen Nachrichtenagentur: Neuwirth könnte sich noch als „ehrbarer Familienvater erweisen“. Ob das allerdings wirklich eines seiner Lebensziele ist, darf bezweifelt werden.