Mittwoch, 17. April 2024
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„Weil viele nicht mit Windeln rumlaufen, gibt es Selbstmorde“

Wirre Homo-Theorien eines Gemeinderats aus Zürich sorgen für Gelächter und Kopfschütteln

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Eigentlich sollte es eine unspektakuläre Debatte über das Budget der Schulgesundheitsdienste im Zürcher Gemeinderat werden. Doch dann hat ein Abgeordneter der rechtspopulistischen SVP für eine bizarre Wendung der Sitzung gesorgt.

SVP-Abgeordeter kritisiert Förderung für Sexual-Beratungsstelle

Denn SVP-Gemeinderat Daniel Regli echauffierte sich wortreich über die Webseite der Beratungsstelle „Lust und Frust“, die von der Stadt Zürich gefördert wird. Diese sei ein „Gender-Kompendium“, in dem die vielfältigen Formen sexueller Minderheiten erklärt werden – und es für seinen Geschmack zu viele Links zu Beratungsstellen gebe. Auch dass Dildos „nicht nur beschrieben, sondern sogar abgebildet“ werden, stößt dem Rechtspopulisten sauer auf.

Dann regte sich Regli darüber auf, dass der Informationsbroschüre zufolge im Altertum Anal- und Vaginalverkehr gleichbedeutend waren. Er wollte wissen, wie „kinderkompatibel“ diese Aussage sei. Das führte zu erstem Gelächter im Ratssaal.

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Selbsternannter „Lebensschützer“ erklärt, warum sich „promiske Homosexuelle“ angeblich umbringen

Doch anschließend wurde es bizarr. Daniel Regli wollte empört wissen, warum nirgends über Sexsucht und die höhere Selbstmordrate bei Schwulen zu lesen sei: „Sie finden nichts darüber, dass sich promiske Homosexuelle zwischen 30 und 40 das Leben nehmen, weil der Analmuskel nicht mehr hält, was er verspricht“, empört er sich vor dem gesamten Zürcher Gemeinderat – und fügt hinzu: „Weil viele nicht mit Windeln rumlaufen, gibt es Selbstmorde“

Nun können sich die anderen Gemeinderäte nicht mehr halten. Sie brechen in lautes Gelächter aus. Doch Regli, der sich auf seinem Twitter-Account als „Christ, Ehemann, Vater, Patriot, Historiker, Publizist, Lebensrechts-Aktivist“ bezeichnet, lacht nicht mit: Der SVP-Gemeinderat meint das alles todernst.

„Heute darf man nicht einmal mehr pervers dazu sagen“

Und er geht noch einen Schritt weiter: Er erklärt, dass Kinder mit den Begriffen von Trans und Intersexualität verwirrt werden würden. „Heute darf man nicht einmal mehr pervers zu dem alles sagen“, empört er sich weiter. Die Fachstelle für die Gleichstellung für Mann und Frau in Zürich würde er am liebsten heute schon auflösen.

Als kurz danach der Sozialdemokrat Alan David Sangines ans Rednerpult tritt, wendet er sich zunächst an die Familien, die der Debatte von der Zuschauertribüne aus gefolgt sind. „Ich glaube, ihr müsst euren Kindern heute ganz viele Begriffe erklären“, sagt er ihnen – und erklärt: „Liebe Kinder, das passiert, wenn man keine Aufklärung hatte in der Schule: Dann kommt man zu diesem Weltbild“, so Sangines, der sich für LGBT-Flüchtlinge einsetzt und den CSD Zürich mitorganisiert. Der Gemeinderat quittiert diese Pointe mit schallendem Gelächter.

Die SVP sieht in der wirren Rede ihres Abgeordneten übrigens keinen Grund, ihn abzulösen. Gegenüber der Neuen Zürcher Zeitung gibt SVP-Fraktionschef Martin Götzl zu: „Regli hätte seine Rede sensibler formulieren sollen – vor allem seine Aussagen zum Thema Homosexualität.“ Inhaltlich gibt er seinem Parteifreund aber recht: Kinder sollten „nicht auf diese proaktive Art aufgeklärt werden – das ist Sache der Eltern“, erklärt er weiter. Eine Entschuldigung oder einen Rücktritt von Regli hält Götzl nicht für notwendig.

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