Donnerstag, 18. Juli 2024
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LGBTIQ – die Erosion des gemütlichen Konsenses

Transidentität, Frauenräume, Selbstbestimmungsgesetz und andere Schlagwörter

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Als feministische Aktivist*innen kämpfen wir alle für ein selbstbestimmtes Leben und sichere Schutzräume für Frauen. Es ist verständlich, dass jede Veränderung Angst macht – Angst, dass gewaltbereite Cis-Männer neue, niederschwellige Zugänge ausnutzen, um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen. 

Neuerdings wird diese Angst auf die Debatte um Trans-Rechte übertragen. „Gender-Kritische“ oder „Radical Feminists“ sorgen sich, dass Männer Frauenräume durchdringen, indem sie sich „als trans* Frauen tarnen“. Aus der Mottenkiste gekramt wird dabei plötzlich eine altbekannte Struktur, die unsere Gesellschaft bestimmen soll: Das binäre Geschlechtersystem.

Frauen sind nicht sicherer, wenn wir aufhören, mit transidenten Menschen solidarisch zu sein

Ein paar Fragen helfen aber, diese Debatte einzuordnen: Müssen wir mit aller Kraft sicherstellen, dass z.B. Väterrechtler ein neues Selbstbestimmungsgesetz (wenn es einmal da ist) in einem Sorgerechtsstreit nicht ausnutzen missbrauchen können? Sicher! Sollen wir darüber reden, wie Frauenhäuser gestaltet und organisiert sein müssen, damit sie für Frauen UND für alle FLINTA*-Personen besten Schutz und Betreuung bieten? Ja, unbedingt.

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Allerdings werden wir diese Fragen nicht beantworten, wenn wir aufhören, mit transidenten Menschen solidarisch zu sein und ihnen Möglichkeiten für ein selbstbestimmtes Leben nehmen. Das ist ein Widerspruch, den wir uns nicht einreden lassen dürfen.

Ich, als weiße transidente Frau …

Ich habe es mir wahrlich nicht ausgesucht, trans zu sein. Genauso wie wir uns unsere sexuelle Orientierung nicht aussuchen, genauso wenig suchen wir uns unsere Geschlechtsidentität aus. Wir sind so geboren. Mein Leben lang habe ich versucht, meine Transidentität zu unterdrücken und zu verdrängen, bis ich schwer depressiv und suizidgefährdet war.

Ich bin nicht eines morgens aufgewacht und habe beschlossen: „Ab heute gehe ich als Frau durchs Leben“. Outings sind langwierige und nervenaufreibende Prozesse und niemand outet sich aus Spaß oder aus einer Laune heraus. 

Eine Transition ist in Österreich sehr kostspielig und bürokratisch

Eine Transition, also der Weg in das für uns selbst richtige Geschlecht, ist in Österreich kostspielig und sehr bürokratisch. Zahlreiche Gutachten, verpflichtende Psychotherapie, sowie psychiatrische Gutachten und andere Hürden müssen erst einmal gemeistert werden, bevor wir in unserem gelebten Geschlecht anerkannt werden. Ein selbstbestimmtes Leben ist das nicht unbedingt. 

Die Frage, ab wann wir als transidente Frauen, weibliche Räume wie Frauentoiletten oder -umkleiden verwenden, ist auch für uns persönlich eine schwierige Frage. Groß ist die Angst, nicht als Frau in einem dieser Räume anerkannt zu werden, weil man optisch vielleicht „zu männlich“ aussieht. Wir sind somit auf ein gutes Passing angewiesen und müssen, um nicht aufzufallen, viel auf uns nehmen, um von der Gesellschaft auch in unserem wirklichen Geschlecht anerkannt zu werden. 

Ich, als Cis-Lesbe of Colour …

Worum geht es also? Oft nur darum, Fragen zu stellen und zuzuhören. Uns bewusst sein, dass Menschen, deren Geschlechtsidentität mit dem bei Geburt zugeschriebenen Geschlecht übereinstimmt (cis) zumeist ihre Geschlechtsidentität nicht nennen können.

Als Cis-Person habe ich nie den Moment gehabt, in dem ich wusste, dass mein Name, meine Pronomen und die Wahrnehmung anderer mein wahres Ich nicht widerspiegeln. Denn das ist das Ding mit Identität. Sie existiert nur dann, wenn sie auch von außen wahrgenommen wird. Und weil sich die Mehrheitsgesellschaft so schwer mit allem tut, was sie nicht selbst erleben kann, versucht sie es mit Um- und Beschreibungen. 

Identität existiert nur dann, wenn sie auch von außen wahrgenommen wird

Sich als Frau „fühlen“, im „falschen Körper“ sein, „hat schon früher mit Puppen gespielt“. Ja, das sind Klischees und Stereotypen, die reproduziert werden. Aber wie anders will man sich in dieser normativen Gesellschaft, in der man sich immer beweisen und erklären muss, bewegen?

Für eine Personenstandsänderung braucht es derzeit noch ein Gutachten durch Fachärzt*in, Psycholog*in oder Psychotherapeut*in, das auch bestätigt, dass eine deutliche Annäherung an das äußere Erscheinungsbild des anderen Geschlechts zum Ausdruck kommt. Das bedeutet also unabhängig des Fashion-Bewusstsein einer trans*Person, muss ein stereotypisches Auftreten gegeben sein, um die offiziellen Dokumente ändern zu lassen. Noch Fragen? 

Wann haben wir aufgehört, unserer Geschwister liebevoll in den Arm zu nehmen?

Als LGBTIQ-Community eint uns eines: Wir alle erleben diesen Moment, für manche sind es Monate und Jahre für andere nur ein Augenblick, in dem wir bemerken, dass wir von der heteronormativen Struktur dieser Gesellschaft abweichen. Ein Coming-Out … weil wir unsere Umgebung ansehen und wissen, da ist etwas. Etwas, dass wir erklären müssen, weil wir sonst nicht gesehen – geschweige denn verstanden – werden. 

Wann haben wir aufgehört, unserer Geschwister liebevoll in den Arm zu nehmen, sie zu beschützen und sie willkommen zu heißen. Wann wurde es weniger gewaltvoll oder diskriminierend, Menschen auf Social Media in dem falschen Geschlecht zu verorten, zu misgendern und zu deadnamen.

Hört auf, Horrorgeschichten zu erzählen und fragen wir uns, wie Frauen wirklich sicher sein können

Wann haben wir angefangen, laut “cancel culture” zu schreien, anstatt einen Schritt zur Seite zu machen, zu lernen und den Erfahrungen zuzuhören. Wann haben uns Schauermärchen über das “Umdrehen” von Kindern und Abwertung von Selbsterklärungen dazu gebracht, das Leben von marginalisierten Gruppen zu erschweren. 

Aber eigentlich ist es egal. Es ist nur jetzt an der Zeit, damit aufzuhören. Hört auf, mit den Horrorgeschichten … schauen wir uns Krankenhäuser oder Gefängnisse an und fragen uns, wie sie wirklich für alle Frauen sicher sein können – denn das waren sie nie. Hört auf, falsche und verkürzte Geschichten zu erzählen, sondern bildet euch! Führen wir die Debatten – gemeinsam. Nicht über Interviews, nicht mit weißen hetero Cis-Männer an vorderster Front und nicht über Twitter. 

Es sollte alles fair sein

Wir alle wollen Chancengerechtigkeit. Wir wollen, dass es fair ist. Die Debatte rund um transidente Sportler*innen zeigt dies sehr gut. Aber sie zeigt gleichzeitig, wie unfair alles grundsätzlich ist. Denn die zutiefst rassistischen Strukturen im Sport werden nicht debattiert. Warum nicht?

Warum reden wir über vermeintliche Vorteile von trans* Frauen im Frauensport und reden nicht über die schwarzen Cis-Frauen, die auf Grund ihres höheren Testosteron-Spiegels jährlich von Wettbewerben und Turnieren, wie z.B. den olympischen Spielen, ausgeschlossen werden? Warum regt sich darüber niemand auf? Dass schwarze Frauen testosteronsenkende Mittel nehmen müssen und das für Jahre, weil weiße Sportlerinnen sonst einen Nachteil haben könnten. Ist das fair? Ein weißer mitteleuropäischer Standard? Auch das möchten wir gerne zur Debatte stellen. 

Wenn wir über Fairness reden, meinen wir Gerechtigkeit. Gerechtigkeit immer und überall. Gerechtigkeit wird es nur dann geben, wenn wir solidarisch mit den Schwächsten sind und gemeinsam gegen das Patriarchat ankämpfen. Denn es ist die kapitalistische, patriarchale Unterdrückung, die jegliche Gerechtigkeit verhindert.