Mindestens 40 Opfer bei Missbrauchsfall in Wiener Schule

Endbericht der Untersuchungskommission zeigt große Versäumnisse auf

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Es ist einer der größten Missbrauchsfälle der vergangenen Jahre – und möglich wurde er offenbar durch ein “Systemversagen”. Zu diesem Schluss kommt der vorläufige Endbericht einer Untersuchungskommission in der Causa rund um einen Sportlehrer, der 2019 nach dem Aufkommen der Vorwürfe Suizid begangen hat. 

15 Betroffene konnten bis jetzt noch nicht identifiziert werden

Auch die Zahl der Opfer hat sich im Vergleich zu den bisher bekannten Informationen erhöhen. Für die Kommission ist “die Existenz von 40 Opfern belegt”, wie es im Bericht heißt. 25 Betroffene seien bekannt, 15 weitere sind auf Fotos und Videos zu sehen, die bei einer Hausdurchsuchung in der Wohnung des Lehrers sichergestellt wurden. Diese 15 Betroffenen konnten bisher nicht identifiziert werden. 

Der Lehrer war an einer Wiener Sportmittelschule als Lehrer tätig. Zusätzlich war er Trainer und Feriencamp-Betreuer. In diesen Positionen soll er zwischen 2004 und 2019 die Burschen sexuell missbraucht und von ihnen kinderpornografisches Material angefertigt haben. Zum Teil soll er die Kinder auch unter Einsatz von K.-o.-Tropfen missbraucht haben.

Fragwürdige Aktivitäten des Lehrers waren in der Schule bekannt

So soll er unter anderem gemeinsam mit den Schülern geduscht haben, und die Kinder dort auch fotografiert haben. Er soll die Kinder auch ermutigt haben, sich gegenseitig zu fotografieren. Ein Fotobuch mit diesen und anderen Fotos soll am Ende der Schulzeit gemeinsam mit fünf Daten-CDs an Schüler und Eltern ausgeteilt worden sein. 

Auch soll er Schülern im privaten Rahmen Nachhilfestunden angeboten haben, wo es zu Übergriffen kam. Bei einer Sportwoche im Schuljahr 2018/19 soll ein Schüler im Zimmer des Lehrers übernachtet haben, weil er Heimweh gehabt habe – mit Wissen anderer Lehrer. Auch bei einer Lesenacht im Turnsaal der Schule soll es zu einem Übergriff gekommen sein.  

Ins Rollen kam der Fall im Frühling 2019, als eine Anzeige wegen Missbrauchs erstattet wurde. Daraufhin wurde bei dem Lehrer eine Hausdurchsuchung durchgeführt. Wenig später, im Mai 2019, beging der Mann Suizid. 

Untersuchungskomission sieht „Systemversagen auf allen Ebenen“

Eine im Mai dieses Jahres eingesetzte Untersuchungskommission der Wiener Bildungsdirektion sollte nun das gesamte Ausmaß des Falles klären. Dem Gremium gehörten Personen der Bildungsdirektion, der Kinder- und Jugendanwaltschaft Wien sowie der Kinder- und Jugendhilfe an. Sie befragte ehemalige Schüler:innen, Eltern, Schulleitungen, externe Personen sowie Mitarbeiter:innen der Bildungsdirektion. 

Resultat der Arbeit ist der 30 Seiten starke Endbericht, dessen Fazit verheerend ist. Es habe ein “Systemversagen auf allen beteiligten Ebenen” gegeben. Das habe dem Pädagogen ermöglicht, über Jahrzehnte sexuelle Übergriffe durchzuführen. Die Schule und die Bildungsdirektion hätten dem Pädagogen die Übergriffe ebenfalls zu leicht gemacht, so der Bericht.

Bildungsdirektion will alle Empfehlungen umsetzen

Auf Basis des Endberichts hat die Bildungsdirektion insgesamt sieben Sachverhaltsdarstellungen bei der Staatsanwaltschaft eingebracht. Diese richteten sich gegen zwei mögliche Mittäter, aber auch gegen den früheren und nunmehrigen Direktor der Schule – wegen des Verdachts der sittlichen Gefährdung von Personen unter 16 Jahren oder deren Begünstigung. 

Bis zum Ende der vorigen Woche ist die Staatsanwaltschaft den Sachverhaltsdarstellungen noch nicht nachgegangen. Wie der Wiener Bildungsdirektor Heinrich Himmer sagte, sehe die Anklagebehörde keinen konkreten Anfangsverdacht und habe deshalb keine Ermittlungen eingeleitet. Für sie gilt die Unschuldsvermutung. 

Die Kommission formulierte mehrere Empfehlungen: So soll unter anderem an allen Wiener Schulen ein Kinderschutzkonzept verpflichtend werden. In der Bildungsdirektion soll eine „Kompetenzstelle Kinderschutz“ eingerichtet werden. Laut Himmer ist eine Umsetzung dieser Maßnahmen bis Ende dieses Schuljahrs geplant.