Schwuler Tschetschene in St. Petersburg von eigenem Vater entführt

Der Fall Zelimhan Ahmadow zeigt: Opfer der Homo-Verfolgung in Tschetschenien sind in Russland nicht sicher

Zelimhan Ahmadow
privat

Ein schwuler Tschetschene soll in St. Petersburg von seinem eigenen Vater und Helfern entführt worden sein. Das berichtet die russische Tageszeitung Novaja Gazeta, die auch im Vorjahr die Verschleppung und Misshandlung sexueller Minderheiten in der russischen Kaukasusrepublik aufgedeckt hat.

Nachdem er in Tschetschenien misshandelt wurde, floh Zelimhan Ahmadow nach St. Petersburg

Auch der 20 Jahre alte Zelimhan Ahmadow war eines der Opfer dieser Misshandlungen. Er wurde in seiner Heimat wiederholt verhaftet, geschlagen und erpresst. Die staatlichen Folterknechte versuchten auch, die Namen seiner schwulen Freunde aus ihm herauszupressen.

Seiner Familie wurde von den tschetschenischen Behörden erzählt, dass sie ihn für schwul halten – sein Bruder soll daraufhin unter Androhung von Gewalt an Verwandten von den tschetschenischen Behörden gezwungen worden sein, einen „Ehrenmord“ zu begehen, um die Familienehre zu retten.

Ahmadow entschloss sich schließlich, nach St. Petersburg zu fliehen. Doch damit war seine Flucht nicht zu Ende: Die tschetschenischen Behörden gaben ihn auf eine russlandweite Fahndungsliste, weil sein Vater das Verschwinden seines Sohnes angezeigt hatte – eine durchaus gängige Praxis.

Beim ersten Versuch, den jungen Tschetschenen zu entführen, wurde sein Freund niedergestochen

Russland, Tschetschenien, Den ersten Versuch, Zelimhan Ahmadow zu entführen, gab es bereits im April: Familienmitglieder und Beamte der tschetschenischen Polizei haben versucht, den 20-Jährigen gegen seinen Willen mitzunehmen. Ahmadow konnte fliehen – ein Freund, bei dem er wohnte, wurde bei der Aktion niedergestochen.

Danach wandte er sich an das russische LGBT-Network, das bereits mehr als 100 Betroffenen aus Tschetschenien geholfen hat. Sie haben ihn an einen geheimen Ort gebracht. Doch als er am Freitag gegen 12.20 Uhr den Müll herausbringen wollte, drängte ihn eine Gruppe von Männern, darunter auch Ahmadow Vater, ein tschetschenischer Unternehmer, in ein Auto.

Ahmadow konnte noch das LGBT-Network alarmieren, das alle Hebel in Bewegung setzte, um ihn zu retten

Hilferuf per SMS
LGBT-Network

Zeugen zufolge schrie der 20-Jährige um Hilfe. Er konnte einem Mitglied des LGBT-Network gegen 16.00 Uhr noch eine kurze SMS schicken: „Hilf mir“, bat er den Aktivisten. Daraufhin alarmierte das LGBT-Network die Polizei von St. Petersburg und bat das Büro von Tatjana Moskalkowa, der Menschenrechtsbeauftragten der Russischen Föderation, um Hilfe.

Noch am gleichen Tag konnte die Polizei in einer Herberge eine Gruppe von Männern in Zusammenhang mit der Entführung festnehmen und dabei auch Zelimhan Ahmadow aus deren Gewalt befreien. Vertreter des LGBT-Network und ein Anwalt kümmerten sich noch auf der Polizeistation um Ahmadow. Angeblich waren auch Offiziere des Inlandsgeheimdienstes FSB an der Entführung beteiligt, es ist aber unklar, aus welcher Region.

Diese Aktion wirft auch einen Schatten auf Österreich: Denn das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (BFA) hat schwulen Tschetschenen Asyl mit der Begründung verweigert, dass sie in anderen Teilen Russlands sicher seien. Doch genau das ist ein Trugschluss, wie der Fall von Zelimhan Ahmadow zeigt. Das LGBT-Network hat schon vor einem Jahr darauf aufmerksam gemacht, dass eine Flucht ins Ausland für tschetschenische Schwule am sichersten ist.