Kramp-Karrenbauer macht sich über Drittes Geschlecht lustig

Annegret Kramp-Karrenbauer
Tobias Koch/CDU

Scharfe Kritik an CDU-Vorsitzender Annegret Kramp-Karrenbauer: Bei einer Büttenrede machte sie Witze auf Kosten des dritten Geschlechts – was zu einer Welle der Empörung führte.

Kramp-Karrenbauer war beim „Stockacher Narrengericht“ geladen, bei dem ein Prominenter sich zunächst Hohn und Spott gegen seine Person anhören muss und dann selbst eine Büttenrede halten kann. Und dabei hatte es die CDU-Chefin auf das dritte Geschlecht abgesehen.

Intersex-Toiletten sind für „Männer, die nicht wissen, ob sie beim Pinkeln stehen dürfen oder sitzen müssen“, sagt Kramp-Karrenbauer

„Guckt euch doch mal die Männer von heute an“, redete sich Annegret Kramp-Karrenbauer in Laune: „Wer war denn von euch vor kurzem mal in Berlin, da seht ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen?“ Dann erklärte sie den johlenden Karnevalsgästen das dritte Geschlecht: „Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen. Dafür – dazwischen – ist diese Toilette.“

Die Rede, die am Donnerstag im SWR Fernsehen ausgestrahlt wurde, verhallte zunächst ohne Reaktionen. Nach einer Schrecksekunde meldete sich am Samstag als erster „Nollendorfblogger“ Johannes Kram zu Wort: „Was für eine widerliche Person“, schrieb er über die Politikerin. In seinem Blog wird er konkreter – und stellt die Frage: „Weiß sie, um was es beim ‚Dritten Geschlecht‘ geht und hat intersexuelle Menschen deshalb so verächtlich gemacht? Oder weiß sie es nicht, hat ihre Verächtlichmachung damit zu tun, dass sie von dem, mit dem sie Furore macht, keine Ahnung hat?“

Über die folgenden Stunden und Tage wuchs die Welle der Empörung. „Manche können das im Kabarett, schlagfertig und witzig sein, andere können das nicht. Frau Kramp-Karrenbauer übt jetzt noch beides, sowohl den Karneval als auch die CDU-Spitze“, urteilte der stellvertretende SPD-Chef Ralf Stegner gegenüber der Bild-Zeitung. FDP-Fraktionsvize Christian Dürr machte dabei klar: „Frau Kramp-Karrenbauer hat eine rote Linie überschritten“, sie solle sich dafür entschuldigen.

„Die Frau wird immer peinlicher“, urteilt SPD-Queersprecher Johannes Kahrs

Kritik auch von Sven Lehmann, Queer-Sprecher der Grünen: Anscheinend glaube die CDU-Chefin, eine Stimmung bedienen zu müssen, „die nicht ohne billige Kalauer auf Kosten gesellschaftlicher Minderheiten auskommt“, so Lehmann. Solche Äußerungen seien „diskriminierend und verächtlich machend“, schreibt er in einem offenen Brief.

Mit „Die Frau wird immer peinlicher“, kommentierte Johannes Kahrs, Ansprechpartner für Lesben und Schwule in der SPD-Bundestagsfraktion, die Aussagen von Kramp-Karrenbauer. Auch der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller von der SPD, kritisierte auf Twitter die Politikerin.

„Ein Karnevalsgag kann gut oder schlecht sein, komisch oder eher mäßig – aber auch hinter Humor steht immer eine Haltung“, so Müller. Und Kramp-Karrenbauer fehle offenbar in Diskriminierungsfragen „eine dem Amt und der Funktion angemessene Haltung“.

Für den Berliner Kultursenator Lederer denunziert Kramp-Karrenbauer „auf Stammtischniveau“

Ähnlich äußerte sich auch Klaus Lederer, offen schwuler Kultursenator von Berlin. Die Vorsitzende der größten Bundestagspartei „denunziere auf Stammtischniveau“ Menschen, „die nicht der geltenden Machonorm entsprechen“, so der Linken-Politiker.

Auch SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil kritisierte Kramp-Karrenbauers Äußerungen. Er erklärte gegenüber der Funke-Mediengruppe, dass ihre Äußerungen „absolut respektlos“ seien. Die CDU-Chefin würde zeigen „welcher erzkonservative Wind jetzt wieder in der Union weht“, fügte er auf Twitter hinzu.

Auch die Lesben und Schwulen in der Union fordern eine Entschuldigung

Und auch in der eigenen Partei hat sich die neue Chefin mit ihrer Fasnachtsrede nicht nur Freunde gemacht. „Natürlich ist eine Entschuldigung fällig“, erklärte Alexander Vogt, Vorsitzender des Bundesverbands Lesben und Schwule in der Union (LSU) am Montag gegenüber dem SWR: „Das erwarten wir.“ Auch im Karneval gebe es Grenzen. Er erwarte ein klärendes Gespräch.

Verteidigt wird Kramp-Karrenbauer erwartungsgemäß von anderen CDU-Politikern – und der rechtspopulistischen AfD. „Alles darf man durch den Kakao ziehen: Christen u Priester u AfD’ler u Seehofer vorneweg- aber ja nicht den LSBTTIQ-Irrsinn“, lamentierte AfD-Bundestagsabgeordnete Beatrix von Storch auf Twitter: „Deren Lobby ist nicht nur doof, sondern auch humorlos.“

Kramp-Karrenbauer schweigt zur Kritik

Auch Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner von der CDU springt ihrer Parteichefin zur Seite. „Über Männer werden Witze gemacht, über Frauen werden Witze gemacht. Wer keine Witze übers dritte Geschlecht macht, weil es um das dritte Geschlecht geht, diskriminiert es“, ätzt sie auf Twitter.

Eine Reaktion von Kramp-Karrenbauer zu ihrer umstrittenen Rede gibt es noch nicht. Überraschend sind die Aussagen aber nicht wirklich. Immerhin hatte sie 2015 – noch als Ministerpräsidentin des Saarlandes – die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare mit Inzest gleichgestellt.