Marokko: Mit Dating-Apps auf Schwulenjagd

Nach Aufruf einer Influencerin sind nun schwule und bisexuelle Männer in Gefahr

Flagge von Marokko
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Ein gefährlicher Trend gefährdet derzeit in Marokko das Leben von schwulen und bisexuellen Männern: Sie werden mit Bildern, die sie in Dating-Apps hochgeladen haben, in einschlägigen Facebook-Gruppen geoutet und gejagt. Das berichtet unter anderem die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW).

Eine homophobe Trans-Influencerin brachte tausende Männer in Gefahr

Sie folgen damit einem Aufruf der in der Türkei lebenden Trans-Influencerin Naoufal Moussa, die als Sofia Talouni bekannt ist. In einem Live-Video auf Instagram forderte sie ihre 620.000 Follower auf, sich schwule Dating-Apps wie Grindr oder PlanetRomeo herunterzuladen, um zu sehen, wie viele schwule und bisexuelle Männer es in der eigenen Umgebung gebe.

„Diese Apps zeigen Personen in deiner Nähe  – seien das 100, 200 oder gar einen Meter neben dir, zum Beispiel im Wohnzimmer“, erklärte die Influencerin ihren vor allem weiblichen Fans die Funktionsweise: „Da jetzt alle zuhause sind, zeigen sie dir vielleicht deinen Mann im Schlafzimmer oder deinen Sohn im Bad.“ Das Video wurde mehr als 100.000 Mal aufgerufen.

„Die Männer werden gemobbt und erpresst“: Obdachlosigkeit und Suizid als traurige Folgen der Aktion

Und obwohl sie ihre Follower nicht explizit dazu aufgerufen hat, diese Männer öffentlich zu outen, geschieht nun genau das. „Die Männer werden gemobbt und erpresst“, so die LGBT-Organisation Nassawiyat, die unter anderem das Sperren von Mousses Instagram-Account forderte. „Wir haben nun die spezielle Situation, dass eine queere Person, die Teil der Community ist, diejenige ist, die Menschen in Gefahr bringt.“

„Ich bin mir sicher, dass ich sofort aus dem Haus geschmissen werde. Oder, noch schlimmer, zusammengeschlagen.“

Ein Mann sagte dem Online-Magazin Insider, dass er „in einer sehr gefährlichen Situation“ wäre, wenn er nicht sofort seine Bilder auf Grindr gelöscht hätte. Ein 19-Jähriger sagte dem Magazin, dass seine Fotos schon online kursieren, aber seine Familien noch nicht erreicht hätten. „Ich habe nicht nur Angst“, sagt er: „Ich bin mir sicher, dass ich sofort aus dem Haus geschmissen werde. Oder, noch schlimmer, zusammengeschlagen.“ Lokale Medien berichten, dass es im Zusammenhang mit dem Gruppen-Outing mindestens einen Suizid eines jungen Schwulen gegeben hätte.

HRW berichtet von einem 23-jährigen Studenten, der zwangsgeoutet wurde und nun auf der Straße leben muss. Denn die betroffenen Männer haben derzeit aufgrund des Corona-Lockdowns in Marokko auch keine Anlaufstelle. Denn durch die Krise sind auch viele Safe Spaces für sexuelle Minderheiten derzeit gesperrt – was auch zu einer erhöhten Nutzung der Apps führt.

Die Sicherheits-Funktionen der Apps reichen nicht aus – auch, wenn die Firmen dahinter schnell reagiert haben

Diese haben zwar für den arabischen Raum einige Sicherheitsfunktionen – doch die reichen oft nicht. So hat Grindr beispielsweise im arabischen Raum einen Screenshot-Blocker oder Bilder mit Ablaufdatum, die nur einige Sekunden abrufbar sind. Doch solche Einschränkungen können umgangen werden, warnen LGBT-Gruppen – beispielsweise, indem man die App mit einem zweiten Handy abfotografiert. 

Die Apps haben deshalb nachgeschärft: „Nachdem wir von den Berichten aus Marokko erfahren haben, haben wir schnell mit Warnungen in marokkanischem Arabisch und Französisch reagiert, um unseren Usern zu sagen, dass sie zur Zeit besonders vorsichtig sein sollen“, heißt es von Grindr.

Bei Hornet setzt man vor allem auf Algorithmen und Moderatoren, um glaubwürdige Profile zu kennzeichnen. Christof Wittig, Geschäftsführer von Hornet, berichtet der Deutschen Presse-Agentur, dass man in diesem Zusammenhang etwa 1.000 gefälschte Profile gelöscht habe.

„Wir haben allen Usern in Marokko eine Sicherheitswarnung geschickt und alle Profile blockiert, die seit dem Posting angelegt wurden“

Auch PlanetRomeo hat Maßnahmen ergriffen. „Wir haben sofort reagiert, indem wir all unseren 41.000 Usern in Marokko eine Sicherheitswarnung geschickt haben, alle Profile blockiert haben, die seit dem Posting angelegt wurden, und Facebook kontaktiert haben, um die Gruppen offline zu nehmen“, so Gründer Jens Schmidt zu Insider.

Moussas Instagram-Profil wurde gesperrt – jetzt hetzt sie auf einem neuen Account gegen schwule Männer

Mittlerweile hat der Facebook-Konzern Moussas Instagram-Profil gesperrt. Gegenüber Insider relativierte Ahmed Benchemsi, Facebooks Kommunikationsdirektor für den Mittleren Osten und Nordafrika, ihre Aussagen. Moussa habe ihre Kommentare an Follower gerichtet, die sie wegen ihrer eigenen Geschlechtsidentität angegriffen hätten und wollte ihnen zeigen, wie viele Menschen in ihrer Umgebung schwul seien.

Doch auch Benchemsi ist bewusst: Das, was die Videos angerichtet haben, ist auch ein Resultat der homophoben Rhetorik der marokkanischen Regierung. „Das Gesetz diskriminiert LGBTQ-Personen, daher kann es ein Verstärker für diese Art von Missbrauch sein“, erklärt er: „Homophobe fühlen sich im Recht, weil das Gesetz auf ihrer Seite steht.“

Inzwischen hat Moussa einen neuen Instagram-Account angelegt – und zeigt sich wenig einsichtig. „Denkt nicht, dass ihr meinen Account gelöscht habt“, giftete die Influencerin: „Das waren internationale Organisationen. Ihr (…) seid nur marokkanische Schwuchteln. Niemand interessiert sich für euch.“ Wenn Marokko Homosexualität legalisieren würde, würde sie als erstes dagegen protestieren: „Wir sind ein islamisches Land.“

Homosexualität ist in Marokko illegal. Nach Artikel 489 des Strafgesetzbuches kann „unanständiger oder unnatürlicher Geschlechtsverkehr mit einer Person des gleichen Geschlechts“ mit Haftstrafen zwischen sechs Monaten und drei Jahren sowie Geldstrafen zwischen 120 bis 1200 Dirham (11 bis 110 Euro) belegt werden. Doch weitaus häufiger werden Angehörige sexueller Minderheiten zu Opfern homophober Gewalt oder von Erpressungen durch die Polizei.