Freitag, 19. April 2024
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Chemsex & Afterhour 101: Tipps gegen Drogennotfälle

Psychiatrische Erkrankungen, Psychosen und Intoxikationen haben mich als Sanitäter schon immer am meisten interessiert. In diesem Beitrag möchte ich Chemsex-Usern ein paar Tipps und Tricks zur Prävention von Drogennotfällen mitgeben, die auf Ausbildung, Austausch mit Fachpersonal, Recherche sowie persönlichen Erfahrungen basieren. Da ich allerdings kein Arzt bin, sind die Ratschläge bitte auch nur als eben solche zu verstehen.

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Grundsätzlich ist es immer ratsam gut gesättigt in ein Partywochenende hineinzustarten. Die optimalen Mahlzeiten vor einem solch intensiven, und mit Chems herzbelastenden Marathon beinhalten Kartoffeln, Gemüse (Brokkoli, Spinat, Zucchini, Karotten), Nüsse, Rind, Fisch, Tofu, Reis, Eier oder schwarze Oliven.

Die Vermeidung von Notfällen beginnt schon vor der Party

Immer gut sind auch isotonische Getränke. Durch das erhöhte Schwitzen verliert der Körper Elektrolyte. Besonders zu empfehlen sind daher Isotonika, Zitronensaft, Eistee, Milch oder Fruchtsäfte (außer Apfelsaft). Alkohol schädigt in Kombination mit Kokain Gehirnzellen besonders, aber auch mit Mephedron führt Alkohol zu einem möglichen Gehirncrash.

Besondere Vorsicht ist bei der Kombination von Alkohol mit „Liquid Ecstasy“ (Gammahydroxibuttersäure/GHB) geboten, da sich die beiden Substanzen in ihrem Effekt auf den Körper enorm verstärken können. Ebenso ist der Mix aus Downern (GHB, Heroin, Alkohol) mit den, zum Runterkommen leider beliebten Benzodiazepinen („Xanor“ u.ä.) gefährlich. Downer mit Downer führt zum Risiko des Kreislaufstillstands; Upper mit Upper gefährdet Herz. Doch auch Downer und Upper sind riskant und können unter anderem zu schlimmen Gedächtnisverlust führen.

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Das kannst du bei Drogen- und Chemsex-Notfällen tun

Im Bezug auf GHB würde ich besonders achtsam sein, mit dieser Substanz ereignen sich schlimme Unfälle. Zwischen den einzelnen Dosen mindestens 1,5 Stunden Pause lassen, eine schriftliche Liste darüber führen und immer selbst dosieren. Und nur nicht zu früh nachlegen, weil man glaubt, zuwenig dosiert zu haben – der Wirkungseintritt kann auch mal länger auf sich warten lassen. Auf jeden Fall bitte intravenösen Konsum vermeiden.

Proteinriegel, Bananen, Weintrauben, Melonen und ein schlichtes Stück Traubenzucker können den Körper und die Psyche während des exzessiven Feierns retten. Aus meiner Zeit beim Rettungsdienst und aus eigener Erfahrung weiß ich auch, dass die Einlegeflüssigkeit von Essiggurken befreiend gegen Übelkeit wirken kann.

Wie viel jemand verträgt, ist bei jedem unterschiedlich

Die Toleranz bezüglich der Menge von Substanzen ist von Person zu Person unterschiedlich. Sie schwankt auch in Abhängigkeit von verschiedenen Faktoren wie Gewicht, Größe, Krankheit, Stress, geschwächtem Immunsystem und Alter. Die Toleranz entwickelt sich im Laufe der Zeit, sodass die Menge einer Droge, die Langzeitkonsumenten benötigen, um die gewünschte Wirkung zu spüren, klar viel höher ist als bei Erstkonsumenten.

Wichtig zu wissen ist, dass sich diese Toleranz schnell verändern kann, völlig unabhängig von der Höhe der Dosis und der Dauer des Drogenkonsums. Wenn man eine Pause vom Drogenkonsum einlegt, sinkt die Toleranz bereits nach wenigen Tagen. Dies bedeutet, dass der Konsum der Menge, die man davor genommen hat, dann bereits zu einer Überdosierung führen kann.

Ich bin besonders in den letzten zwei Jahren einigen ganz jungen Konsumenten begegnet, die innerhalb von wenigen Monaten auf ein Level gekommen sind, dass ich nach meinen ganzen zehn 10 Jahren Konsum nicht erreicht habe.

Daran kannst du einen Notfall erkennen

Wird ein Partyteilnehmer plötzlich oder schleichend ruhiger, spricht nur noch abgehakt oder gar nicht, wirkt etwas starr oder abwesend, so schadet es sicherlich nicht, sich ein wenig um ihn zu sorgen: Einfach mal behutsam ansprechen und die Lage eruieren. Angstzustände und Panikattacken sind keine Seltenheit bei Drogenkonsum – und selbst ohne diesen weit verbreitet. Frische Luft, beruhigende Worte und Reizreduktion tun der Seele gut.

Warnsignale wie Krämpfe, Schwindel, Ohnmachtsgefühle, Kopfschmerzen und plötzliche Müdigkeit sind Anzeichen für Dehydrierung oder Überhitzung. Koffeinfreie Getränke, Zucker und ein kühler Rückzugsort können hier Abhilfe schaffen. Bei Krampfanfällen bitte sofort den Notarzt rufen!

Das kannst du bei Notfällen selbst machen

Auch bei Bewusstseinstrübungen und Müdigkeitserscheinungen bitte Koffein vermeiden, das könnte sonst in Kombination mit anderen pushenden Substanzen in die Hose gehen, weil das Herz zu sehr belastet wird.

Bei Kreislaufproblemen (blasse, nasse Haut, schneller Puls) ist die Schocklage angesagt: Person hinlegen und die Beine hochhalten, damit genügend Blut ins Gehirn zurückfließt. Auch hier gilt: Wenn du dir nicht sicher bist, was zu tun ist, ruf bitte die Rettung.

Bei Bewusstlosigkeit die Person durch Rufen versuchen aufzuwecken. Schlägt dies fehl, in Rückenlage bringen und Atemwege durch Überstrecken des Halses und Anhebens des Kinns freimachen. Anschließend Atemcheck: Bewegt sich der Brustkorb, ist der Atem spür- oder hörbar? Ist die Atmung normal (mindestens zwei Atemzüge in 10 Sekunden)? Dann die Person in die stabile Seitenlage zu bringen um sie vor Ersticken zu bewahren.

Die Rettung ist im Notfall immer die beste Wahl

Gerade bei leichten GHB-Überdosen ist eine Schlafphase häufig. Wichtig ist, dass andere Menschen die Atmung des Schlafenden regelmäßig checken.

In den ersten Minuten nach einem Herzstillstand kann es auch sein, dass das Opfer noch Schnappatmung hat – wenn also Unsicherheit besteht, besser so handeln, als ob die Person nicht normal atmet: Rettungsnotruf 144 wählen und bestmögliche Informationen für die Disponenten bereitstellen.

Warum ein Erste-Hilfe-Kurs eine gute Idee ist

Außerdem die Reanimation einzuleiten – auch wenn du keinen Erste-Hilfe-Kurs abgeschlossen hast: Den Handballen einer Hand auf das untere Drittel des Brustbeins legen, den Ballen der anderen Hand auf die erste Hand, die Finger verschränken und sicherstellen, dass nicht auf die Rippen gedrückt wird. Dann mit einer Frequenz von mindestens hundert Mal pro Minute mindestens 5 cm tief drücken.

Den Druck nach jeder Kompression wegnehmen, ohne den Kontakt zur Brust zu verlieren. Druck- und Entlastungsdauer sollten in etwa gleich sein. Als Anhaltspunkt für den richtigen Rhythmus können zum Beispiel der Radetzky-Marsch oder „Stayin‘ Alive“ dienen.

Im besten Fall wären dann nach je 30 Kompressionen zwei Atemspenden (Mund-zu-Mund-Beatmungen) zu geben. Diese sind allerdings nicht zwingend erforderlich, da erwachsene Patienten und Drogennotfälle eher an Herzversagen leiden und durch die Pumpunterstützung der Blutkreislauf in Gang bleibt.

Die Wiederbelebung solange fortführen, bis professionelle Hilfe eintrifft und übernimmt, oder die Person aufwacht, sich bewegt, die Augen öffnet oder normal zu atmen beginnt.

Menschenleben haben immer Vorrang

Die Rettung zu verständigen ist sowieso die beste Lösung bei medizinischen Notfällen. In Notsituationen sollten Menschenleben immer mehr zählen als alle anderen Nebenrisiken. Abgesehen davon ist das Rettungspersonal geschult und hat schon viel gesehen.

Bei der Wiener Stelle „CheckIt“  hat man übrigens die Möglichkeit seine Drogen anonym und kostenfrei (auf Reinheit usw.) checken zu lassen.

Ich hoffe mit diesen Tipps zu vorsichtigerem Konsum anregen zu können. Danke.

Dieser Kommentar will nicht zum Konsum illegaler Substanzen ermuntern oder dieses weit verbreitete Problem verharmlosen. Er spiegelt die hier bereits geschilderte persönliche Erfahrung des Autors wider, die sich nicht mit den Ansichten von GGG.at decken muss. Wir raten vom Konsum illegaler berauschender Substanzen ausdrücklich ab, bieten Betroffenen aber so eine mögliche Hilfestellung an. Für die Ratschläge in diesem Kommentar, die ausschließlich auf der persönlichen Erfahrung des Autors basieren, wird keine Haftung übernommen, sie können auch keine professionelle Hilfe ersetzen. In sämtlichen kritischen Situationen empfehlen wir, ohne Verzögerung die Rettung unter der Telefonnummer 144 anzurufen.

Wie der Teufelskreis aus Parties und Chemsex durchbrochen werden kann, schildert Dorian Rammer in diesem Kommentar.

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