Bareback-Skandal: Darsteller packt aus

Ein HIV-Skandal erschüttert derzeit die britische Schwulen-Pornoszene: Mehrere junge Darsteller sollen sich bei einem Bareback-Dreh mit dem tödlichen Virus angesteckt haben. Auf dem britischen Newsportal PinkNews hat einer dieser Burschen exklusiv sein Schweigen gebrochen.

Der 20 Jahre alte Clyde (Name von PinkNews geändert) wurde knapp nach seinem 18. Geburtstag auf seinem Gaydar-Profil angeschrieben. „Ich weiß nicht mehr genau, was sie gesagt haben, aber da waren zwei Männer, die zusammen gearbeitet haben und mich beide öfter angeschrieben haben bis ich mit einem ‚Interview‘ einverstanden war“, erinnert sich Clyde. Das Interview bestand darin, vor der Kamera zu masturbieren. „Sie wollten, dass ich wiederkomme. Sie haben mir auch erzählt, dass sie meistens Bareback-Videos machen, und dass sie normalerweise nur mit dem Attest einer Klinik für Geschlechtskrankheiten arbeiten.“

Leere Versprechungen der Porno-Produzenten

Doch schon bei den ersten Drehs merkte Clyde, dass es die Pornoproduzenten mit dem HIV-Status ihrer Darsteller nicht so genau nehmen: „Ich habe das Attest nur bei der Hälfte der Drehs vorzeigen müssen, sie haben geglaubt, was ich gesagt habe. Im Krankenhaus musste ich 25 Pfund für das Attest zahlen.“ Die Produzenten haben den Darstellern gesagt, alle Darsteller wären HIV-negativ.

Allerdings hat keiner das Attest der anderen Darsteller gesehen. Clyde ist in zwei oder drei DVDs und mehreren Szenen, die nur online erschienen sind, zu sehen. Die Arbeitsbedingungen waren nicht gut: „Es war eine Low-Budget-Produktion mit sehr beengten Verhältnissen. Meistens habe ich 100 Pfund pro Szene bekommen.“

Der Reiz, in der Szene jemand Besonderer zu sein

Mitgespielt hat er vor allem des Geldes wegen, aber auch, weil glaubte, wegen seiner schlechten Ausbildung keinen anderen Job zu bekommen. In der Schule war er — wie viele schwule und lesbische Jugendliche — der Außenseiter, der über seine sexuelle Orientierung nicht gesprochen hat.

Das vergrößert den Reiz für einen verletzlichen Teenager, als „Pornostar“ eine besondere Rolle in der Schwulenszene zu spielen. „Ich habe meine Arbeit gut gemacht, es war toll zu hören, wie gut ich bin“, erinnert sich Clyde. „Ich mag, dass ich manchmal erkannt werde — aber es gibt andere Sachen, auf die ich stolzer bin.“

Eine Routineuntersuchung verändert sein Leben

Im November 2006 hat dann ein monatlicher Routinebesuch in der Klinik für Geschlechtskrankheiten sein Leben für immer verändert. „Ich habe am Freitag einen Anruf bekommen, dass ich meine Resultate abholen soll, und habe mir nicht viel dabei gedacht. Am Montag bin ich dann in die Klinik gegangen, und anders als sonst haben sie mir im Wartezimmer eine Tasse Tee angeboten. Ich habe nur gedacht, dass wäre mein ‚Vielfliegerbonus‘. Dann bin ich zur Ärztin gegangen, und sie hat es mir erzählt. Ich war bestürzt und habe darum gebeten, mich kurz allein zu lassen. Dann habe ich begonnen, Leute anzurufen“, erinnert sich Clyde an die schwersten Stunden seines Lebens.

Er hat Freunde und ehemalige Dates angerufen, einige von ihnen haben am Telefon begonnen zu weinen. Doch Clydes Augen beginnen zu leuchten, wenn er erzählt, wieviel Liebe und Mitgefühl er seit der Diagnose von anderen Menschen bekommen hat.

Kein Schuldgefühl bei der Produktionsfirma

Doch nicht alle waren an seinem Wohlergehen interessiert: Als er der Produktionsfirma erzählte, dass er HIV-positiv ist, haben ihm die Produzenten gesagt, er könne noch immer mit anderen positiven Darstellern weiterarbeiten. Doch seit der Diagnose hat Clyde keine Pornos mehr gedreht.

Clyde hat sich mit seinem HIV-Status abgefunden. Er nimmt sein Schicksal mit einem beeindruckenden Optimismus auf sich. „Ich musste anderen Leuten sagen, dass ich mich angesteckt habe — das Schlimmste für mich war immer die Frage, was wäre, wenn ich jemand anderen mit HIV angesteckt habe. Es tut mir leid, dass ich Bareback-Videos gemacht habe. Ich war kein Heiliger, aber bevor ich Pornos gedreht habe, war ich vorsichtiger. Ich muss jetzt vorsichtiger sein, was mein Sexualverhalten und meine Gesundheit betrifft. Meine größte Sorge bleibt noch immer, dass ich den Virus weitergeben kann.“

„Bareback-Pornos sind scheinheilig“

Die Faszination von Bareback-Pornos ist für Clyde schwierig zu erklären: „Bevor ich sie gemacht habe, war ich nicht damit einverstanden, aber mir war nicht klar, dass es ein so großes Phänomen ist. Während ich die Filme gemacht habe, habe ich immer gedacht, die Leute sollten es besser wissen, und ich verstehe noch immer nicht, warum die Leute so scharf darauf sind, Bareback-Filme zu sehen. Es gibt Leute, die sagen, es ist dumm Sex ohne Kondom zu haben, und dann kaufen diese Leute Bareback-Filme. Das ist so scheinheilig.“

Clyde ist optimistisch. „Ich versuche, nicht depressiv oder wütend zu werden – das hilft nicht“, sagt er. Seine Eltern wissen noch immer nicht, dass ihr Sohn schwul ist und sich bei einem Pornodreh mit HIV angesteckt hat.

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