[Video] Parade in Belgrad friedlich, schwere Ausschreitungen im Umfeld

Teuer erkauft hat die lesbischwule Community in Belgrad einen wichtigen Sieg: Unter erheblichem Polizeieinsatz und Gewalt am Rande der Veranstaltung konnte gestern die zweite Lesben- und Schwulenparade der serbischen Hauptstadt stattfinden.

Das Zentrum der Stadt war vollkommen abgesperrt. 5000 Polizisten von Sondereinheiten des Innenministerium schützten die rund 1000 Teilnehmer der Parade vor den nationalistischen Gegendemonstranten. Trotzdem versuchten die Gegendemonstranten, die Polizeiabsperrungen an mehreren Punkten zu durchbrechen, was ihnen aber nirgends gelang. Maskierte Männer griffen nach einem Korrespondenten-Bericht der Tageszeitung „Der Standard“ Polizisten mit Steinen an, die Straßenschlachten wurden von Belgrader Fernsehsendern live übertragen.

Doch die Gewalt gegen die Parade hat bereits vorher begonnen: Bereits in den Morgenstunden wurde Slobodan Stojanovic, einer der Parade-Organisatoren, von Unbekannten vor seiner Belgrader Wohnung zusammengeschlagen. Er sei Krankenhaus eingeliefert worden, befinde sich aber außer Lebensgefahr, berichtet der serbische Dienst des US-Senders „Radio Free Europe“. Wenige Stunden zuvor brachen zwei mit Hämmern bewaffnete Männer in die Büros der Gruppe „Women in Black“ ein und forderten die Aktivistinnen auf, ihnen „die Schwuchteln“ auszuliefern. Da keine anwesend waren, zogen sie wieder ab.

Bei den gewaltbereiten Demonstranten soll es sich in erster Linie um Extremnationalisten und Fußball-Hooligans handeln. Dementsprechend herrschte in der Stadt Ausnahmezustand: Schaufenster wurden eingeschlagen, Autos in Brand gesteckt – vor der österreichischen Botschaft sogar ein Polizeiwagen. Bei der Botschaft selbst wurden Scheiben zerschlagen, berichtet der niederländische Lesben- und Schwulenaktivist Frank van Dalen über Twitter.

Auch gegen die Zentrale der regierenden „Demokratischen Partei“ (DS) wurden Brandsätze und Molotow-Cocktalils geworfen. Wie DS-Sprecherin Jelena Trivan dem Radiosender „B-92“ bestätigte, kam es auf der Terrasse am Eingang in das Gebäude auch zu einem Brand, der aber rasch gelöscht werden konnte. Die Demonstranten versuchten außerdem, das klinische Zentrum Belgrads zu stürmen. „Radio Free Europe“ berichtet außerdem, dass sein Reporter James Kirchick auf den Kopf geschlagen wurde, als er eine Gruppe Paradengegner fotografieren wollte. Es gab Versuche, das Parlament und einige Botschaften zu stürmen, der Empfangsbereich des staatlichen Senders RTS wurde verwüstet. Drei Linienbusse wurden in Brand gesteckt, Geschäfte geplündert. Mindestens 100 Menschen wurden festgenommen.

Eine Gruppe älterer Frauen beschimpft die Polizisten: „Ihr tickt nicht richtig“, rufen sie ihnen zu: „Verprügelt die Normalen und verteidigt diese kranken Homos.“ Man kann fast verstehen, dass die Beamten der Sondereinheiten in ihren schweren Kampfanzügen schwitzend die „Schwulen“ verfluchen. Denn von den 44 Verletzten, die bis 13.00 ins klinische Zentrum eingeliefert wurden, sind 42 Polizisten, bis zum Abend steigt diese Zahl je nach Quelle auf bis zu 124, einer davon schwer. Auf der Gegenseite wurden 17 Hooligans verletzt.

Sie wollen die Parade in Belgrad vermutlich nicht schützen, aber sie müssen: Unter anderem die EU hat Belgrad deutlich zu verstehen gegeben, dass das Stattfinden der Pride ein Ausdruck der Demokratisierung der Gesellschaft wäre. Im letzten Jahr wurde sie in letzter Minute aus Sicherheitsgründen abgesagt – vor allem, weil sich die Polizei ein Chaos wie heute nicht antun wollte.

Einige Blocks davon entfernt findet das Ziel des Hasses statt. Trotz der hohen Sicherheitsvorkehrungen ist die Stimmung angespannt: „Einige kleine Bomben explodieren – Anti-Riot-Einheiten jagt Neonazi-Gruppen. Mehrere Hubschrauber überfliegen die Stadt. Nichts desto trotz stellen sich die Leute noch immer an, um zum Paradengelände zu kommen“, berichtet José Reis Santos von Rainbow Rose, dem Netzwerk sozialdemokratischer Homosexuellenorganisationen Europas, auf seinem Facebook-Account. Es sind über 1000 Menschen, darunter dutzende Journalisten und Polizisten in Zivil, sowie die Leiter der EU- und OSZE-Mission in Belgrad, die Botschafterin der USA und Svetozar Čiplić, der serbische Minister für Menschenrechte. Sie tragen Transparente, auf denen Sätze wie „Solidarisch gegen Faschismus“ stehen. Die Zahl der Teilnehmer hätte noch etwas höher sein können – allerdings sind die Zutrittskontrollen zur Parade so streng, dass es auch einige potentielle Teilnehmer nicht bis zum Umzug geschafft haben.

Durch die leeren gesperrten Straßen geht es dann zum Endpunkt der Veranstaltung, wo auch internationale Vertreter der Lesben- und Schwulenbewegung berührende Reden halten. Danach geht die Parade mit einer Party im Studenten-Kulturzentrum SKC weiter. Diese war zunächst „sehr relaxed“, berichtet Reis Santos auf seinem Facebook-Account. Doch nach und nach treffen auch dort Informationen über die Unruhen ein. Nach gut einer Stunde Feiern werden die Teilnehmer mit Polizeiwagen an sichere Orte gebracht. „Jeder entfernt seine Symbole oder Zeichen der Parade“, berichtet Reis Santos. Das deutsche Infoportal queer.de berichtet, dass zwei Teilnehmer trotzdem beim Rückweg verprügelt wurden und ins Krankenhaus gebracht werden mussten.

Die 1000 Demonstranten für die Rechte von Lesben und Schwule waren ein mutiger Anfang. „Es ist ein Erfolg und ein historischer Tag in Serbien und Südosteuropa“, schreibt Reis Santos eine bewegte Facebook-Statusmeldung. Doch es ist noch viel zu tun: Bei einer Demonstration gegen die „Parade der Kranken“ am Tag zuvor waren 20.000 Teilnehmer.