[Video] Thomas Hitzlsperger spricht über sein Coming Out

Der ehemalige deutsche Fußball-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger hat in einer Videobotschaft die Gründe für sein Coming Out näher erklärt. In einem Interview mit der britischen Zeitung „The Guardian“ hat er diese Gründe dann noch präzisiert und Kritik an der Menschenrechtslage in Russland geübt.

„Jeder soll so leben können, wie er will“

„Profisport und Homosexualität schließen sich nicht aus, davon bin ich überzeugt“, so Hitzlsperger in dem Video. Er wolle jungen Sportlern Mut machen, denn jeder Mensch sollte so leben können, dass er „wegen seiner Herkunft, Hautfarbe, sexuellen Neigung oder Religion keine Angst haben muss diskriminiert zu werden“. Das sei für ihn kein politisches Statement, sondern eine Selbstverständlichkeit.

Unter Fußballern werde Homosexualität „schlicht ignoriert“, für die Medien, besonders in Deutschland, sei das schon seit Jahren ein Thema, so Hitzlsperger. „Nur die betroffenen Spieler, die haben sich nicht getraut, sich zu ihren Neigungen zu äußern. Denn die Fußballszene begreift sich in Teilen immer noch als Machowelt.“

Coming Out erst nach Beziehungsende

Dass sich Hitzlsperger sich erst nach seiner aktiven Karriere geoutet hat, liegt auch daran, dass er sich erst spät über seine sexuelle Orientierung im Klaren war: Acht Jahre lang war er mit seiner Jugendliebe Inga zusammen, vor sechs Jahren beendete er die Beziehung kurz vor der Hochzeit. „Erst als ich alleine gelebt habe, dämmerte mir, ich habe Gefühle für Männer“, erzählt Hitzlsperger in dem Video.

Eine persönliche Entwicklung begann. Zuerst habe er sich im Freundes- und Familienkreis geoutet, so der Fußballer im „Guardian“-Interview: „Ich war überrascht und froh, dass die alle kein Problem damit hatten. Wo ich herkomme, der bayerischen Provinz, gilt Homosexualität als ‚unnormal‘. Ich wusste, dass es negative Reaktionen von denen geben würde, die es niemals verstehen werden, auch innerhalb meiner Familie, aber das war ihnen egal. Ich bekam von ihnen nichts anderes außer vollständiger Unterstützung.“

Knapp vor Coming Out in aktiver Zeit

Mit dem Gedanken, sich zu outen, spiele Hitzlsperger offenbar schon während seiner aktiven Zeit in Wolfsburg in der Saison 2011/12. Doch dann wurde ihm dieser Schritt ausgeredet. „Alle haben gesagt, ‚Mache es nicht, da bricht dann eine große Welle auf dich herein‘ – aber zum Schluss habe ich kapiert, dass es niemand wirklich weiß. Es gab kein Vorbild, also konnte jeder nur spekulieren, was passieren könnte“, erzählt er dem „Guardian“. Trotzdem glaubt er, dass sich auch bald ein aktiver Fußballer outen könnte. Das liege an jungen Spielern, „die sich viel früher im Klaren sind über ihre Neigungen“, so Hitzlsperger in seiner Videobotschaft.

„Homophobe haben einen Gegner mehr“

Doch ob das Coming Out während der aktiven Zeit oder knapp danach geschieht, spielt für Hitzlsperger keine große Rolle. „Wichtig ist es nur für die Leute, die homophob sind, andere ausgrenzen aufgrund ihrer Sexualität – und die sollen wissen: Sie haben jetzt einen Gegner mehr“, gibt er sich kämpferisch.

Dass sich Hitzlsperger kurz vor den Olympischen Winterspielen in Sotschi geoutet hat, ist kein Zufall. Er habe nichts dagegen, wenn sein Coming Out auch im Zusammenhang mit der Lage von Lesben und Schwulen in Russland diskutiert werde, sagte der 31-Jährige dem „Guardian“.

Thomas Hitzlsperger outet sich in der heute erscheinenden Ausgabe der Wochenzeitung „Die Zeit“. Er spielte in seiner Jugend für den FC Bayern München, 2000 wechselte Hitzlsperger zum englischen Premier-League-Verein Aston Villa. Danach war er unter anderem Kapitän des VfB Stuttgart, spielte in England und Italien. Für die deutsche Nationalmannschaft lief der Mittelfeldspieler zwischen 2004 und 2010 insgesamt 52 Mal auf. Vor vier Monaten zog sich Hitzlsperger aus dem öffentlichen Leben als Fußballprofi zurück.