Montag, 15. April 2024
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Guido Westerwelle: ‚Wir führen keine Ehe zweiter Klasse‘

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Guido Westerwelle ist zurück: Nach seiner schweren Krebserkrankung stellt der ehemalige deutsche Außenminister nun ein Buch vor, in dem er die schweren Wochen und Monate beschreibt – und auch offen über sein Coming out und seine Lebenspartnerschaft mit Markus Mronz Stellung bezieht.

Eine Sportverletzung rettete sein Leben

Es war im Frühsommer 2014, als Westerwelle, der sich gerade aus der Politik zurückgezogen hatte, eine Sportverletzung am Knie operieren möchte. Beim Blutbild, das vor der Operation gemacht wird, stellt sich heraus: Guido Westerwelle hat Leukämie. Eine aggressive Form, die sofort behandelt werden muss.

Es folgen Wochen und Monate des bangen Wartens: Die Chemotherapie selbst reicht nicht aus, ein erster Stammzellenspender springt im letzten Moment ab. Wie durch ein Wunder findet sich nach wenigen Wochen ein weiterer Spender, er rettet das Leben des ehemaligen Vizekanzlers und FDP-Vorsitzenden.

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„Ich dachte, so fühlt sich das Sterben an“

Nun hat Guido Westerwelle diese Zeit zu Papier gebracht. „Zwischen zwei Leben – von Liebe, Tod und Zuversicht“, heißt das Buch, das er mit dem Journalisten Dominik Wichmann geschrieben hat. Um „die Dämonen zu bekämpfen“ habe er begonnen, seine Erfahrungen niederzuschreiben, erklärt er. Das Buch handelt von der Zeit, an der das Leben des Ex-Politikers am seidenen Faden hing – und sein Mann ihm die so wichtige Kraft gab. Am Sonntag wurde es in Berlin vorgestellt.

Dabei ist der ehemalige Politiker schonungslos ehrlich: „Wie nackt in der Kühlkammer“ habe er sich nach einer Infusion gefühlt, die er nicht vertragen hatte, erzählte der Ex-Politiker gestern im ARD-Talk von Günther Jauch. Und er fügt hinzu: „Ich dachte, so fühlt sich das Sterben an.“ Ein schrecklicher Zustand sei es gewesen, in dem sich Minuten wie Stunden angefühlt hätten.

Ganz genesen ist er bis heute nicht: Sein Gesicht ist gerötet und etwas geschwollen. Guido Westerwelle leidet an einer Mundhöhlenentzündung, eine Nebenwirkung seiner Stammzellentransplantation. Ob der Krebs zurückkommt, weiß keiner. Die Chancen, dauerhaft geheilt zu werden, steigen aber mit jedem Tag.

Dankbar für den Mann an seiner Seite

„Ihr Buch liest sich übrigens auch wie eine Liebeserklärung an den Ehemann, wie eine Dankesschrift, wie eine Streitschrift gegen Klischees. Als wollten Sie ganz beiläufig sagen, selbstverständlich können auch Homosexuelle tiefe Verbundenheit fühlen, Fürsorge zeigen, füreinander da sein“, fragt der „Spiegel“ Westerwelle in einem aktuellen Interview. Und der bestätigt. Dies sei „auch die Lehre dieser Zeit“ gewesen: „Man sagt gleichgeschlechtlichen Ehen eine gewisse Oberflächlichkeit nach, weil schon das Wort homosexuell die Sexualität betont. Aber das ist nicht so, bei Michael und mir schon gar nicht. Ich wusste das vorher, aber jetzt noch tausendmal mehr: Wir führen keine Ehe zweiter Klasse.“

Das sind deutliche Worte für jenen Mann, der als FDP-Chef vor 15 Jahren Eingetragene Partnerschaften für verfassungdwidrig hielt – und sich jetzt für die vollständige rechtliche Anerkennung seiner Beziehung stark macht.

Denn die Erkrankung hat Guido Westerwelle verändert. „Man lernt das Einfache schätzen und lieben“, sagt Westerwelle bei Günther Jauch. „Wenn Sie da liegen und fürchten, dass Sie sterben, dann denken Sie auch darüber nach, welche Lebenslehren Sie ziehen.“ Er setze seine Prioritäten ganz neu. „Man beschäftigt sich einfach nicht mehr mit dem Kleinkram“, so Westerwelle, sondern freue sich an Kleinigkeiten: „Das Leben besteht aus Augenblicken.“

Schwul im Bonn der 70er: „Meine Mutter meine, es wächst sich aus“

Doch in dem Buch geht es nicht nur um die Krebserkrankung von Guido Westerwelle. Auch seine Homosexualität, sein Coming out, sind Thema in dem Buch. Er erzählt, wie es war, im konservativen Bonn der 1970er-Jahre ein junger Schwuler zu sein: „Meine Mutter meinte, es wächst sich aus, und dann wurde ich zu einem Psychologen geschickt“, erinnert er sich gegenüber dem „Spiegel“. Das Gespräch dauerte eine Dreiviertel Stunde. „Dann habe ich meiner Mutter gesagt, du, das ist schade ums Geld. Danach haben wir nie wieder über irgendwelche Probleme geredet, es war dann auch für die Eltern völlig normal“, so Westerwelle.

Er erinnert sich: Es sei „eine schwere Zeit gewesen für junge Männer, die plötzlich merkten, dass sie nicht mit Mädchen, sondern mit Jungs zusammen sein möchten.“ Westerwelle erzählt auch offen, wie er mit dieser Situation umging: „Man wird vorlaut, jedenfalls vorlauter, als man sein sollte. Reiner Selbstschutz, reine Überkompensation. Nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung.“

„Nicht mit den Krankenschwestern flirten“

Doch auch seinen Humor hat Guido Westerwelle nicht verloren. So erzählt er, dass er durch die Stammzellenspende nun auch eine neue Blutgruppe hat – was seinen Lebenspartner Michael Mronz ins Grübeln bringt: „Nicht, dass Guido anschließend mit den Krankenschwestern flirtet“, warnte er seinen Mann. Doch Westerwelle beruhigt ihn: „Aber nein, da hat sich nichts verschoben…“

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