Tschetschenien: Polizei richtet 27 Menschen hin

Minister bestreitet Vorwürfe und meint, mit dem Bericht wolle die „Nowaja Gaseta“ das „Schwulenthema“, das „schon längst vergessen“ sei, wieder hervorholen.

Flagge von Tschetschenien
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In Tschetschenien soll die Polizei im Jänner 27 Menschen willkürlich hingerichtet haben. Das berichtet die regierungskritische russische Zeitung „Nowaja Gaseta“ unter Berufung auf lokale Ordnungskräfte. Hinweise auf die willkürliche Verhaftung und die Ermordung bekam die Zeitung im Zuge ihrer Recherchen über die Verfolgung schwuler Männer in der Kaukasusrepublik.

Mehr als 200 Verhaftungen als Rache für Anschlag auf Polizisten

So sollen der Zeitung zufolge seit Dezember mehr als 200 Menschen nach und nach festgenommen worden sein. In der Nacht vom 25. zum 26. Jänner sollen dann 27 Inhaftierte im Alter von 18 bis 33 Jahren ohne Anklage oder Verurteilung ermordet worden sein. Die Zeitung veröffentlichte auch die Namen der Ermordeten und warf den Behörden vor, die Ermittlungen zu verschleppen.

„Unseren Informationen nach wurden die Festgenommenen in der Nacht erschossen und auf verschiedene Friedhöfe, darunter auch christliche, gebracht, wo sie in eilig ausgehobenen Gräbern verscharrt wurden“, schreibt die Zeitung. Das Blatt beruft sich in dem Artikel auf ranghohe Informanten aus den Behörden in Tschetschenien.

Dabei soll es sich um eine Vergeltungstat der tschetschenischen Führung für den tödlichen Überfall auf einem Polizisten Mitte Dezember gehandelt haben. Die Täter wurden kurz darauf gestellt und getötet. Der Bürgerrechtsorganisation „Memorial“ sollen drei von ihnen erst nach ihrer Verhaftung erschossen worden sein.

Nationalitätenminister verknüpft Hinrichtungen mit dem „Schwulenthema“

Die tschetschenische Regierung weist die Berichte empört zurück. Nationalitätenminister Tschambulat Umarow sagte im staatlichen Fernsehen, die in dem Artikel erhobenen Vorwürfe seien eine „Lüge“, für die es keinerlei Beweis gebe. Er nannte den Artikel „eine weitere Schleife und einen Ausbruch der kranken Phantasie“ der Journalistin Jelena Milaschina.

Diese hatte auch die Entführungen und Folter schwuler Männer in Tschetschenien aufgedeckt und wurde deshalb bedroht. Der neue Bericht sei nur dazu angelegt, das „Schwulenthema“, das „schon längst vergessen“ sei, wieder hervorzuholen, so Umarow. „Offenbar sind die Phantasien Milaschinas und ihrer Kollegen aus der „Nowaja Gaseta“ so arm, dass sie wieder und wieder zu den Skandalen zurückkehren, deren Autoren sie selbst waren“, sagte er.

Kremlsprecher Dimitri Peskow sagte, er habe die Berichte zur Kenntnis genommen. Da die Quellen anonym seien, könne er keine Stellungnahme abgeben. Die kremltreue Menschenrechtsbeauftragte Tatiana Moskalkowa begründete ihre Passivität damit, dass „konkrete Angaben zu diesen Bürgern fehlen“. Sie versprach, alle in der Liste aufgeführten Namen überprüfen lassen zu wollen.

Amnesty International stuft Recherchen als glaubwürdig ein

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) stuft den Bericht als glaubwürdig ein. Sie fordert eine umfassende Aufklärung des Falls. „Die Sicherheitskräfte können nicht töten und foltern, nur weil sie Uniform tragen“, so der russische AI-Sprecher Denis Kriwoschejew. Amnesty habe über mehrere Jahre hinweg Fälle von Hinrichtungen im russischen Nordkaukasus dokumentiert, sagte er.

In einer ersten Meldung hatte es noch geheißen, dass die Männer vermutlich wegen ihrer angeblichen Homosexualität getötet worden seien. Dabei handelt es sich aber vermutlich um einen Übersetzungsfehler aus dem Original-Artikel der „Nowaja Gaseta“. Die Zeitung hatte in den vergangenen Monaten mehrfach über die Verschleppung und Folter schwuler Männer in Tschetschenien berichtet.

Der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow wurde 2007 vom russischen Staatschef Wladimir Putin zum Präsidenten der Kaukasusrepublik Tschetschenien ernannt. Er gilt als Schützling Putins.