„‚Billy Elliot‘ macht schwul“: Ungarische Zeitung hetzt gegen Musical

15 Vorstellungen mussten abgesagt werden - doch das eigentliche Ziel der Orbán-treuen Medien dürfte die Budapest Pride sein

Billy Elliot
Ungarische Staatsoper

Nach harscher Kritik in regierungsnahen Medien musste die Ungarische Staatsoper in Budapest 15 Aufführungen des Musicals „Billy Elliot“ absagen. In einer Zeitung hieß es, dass Burschen schwul werden könnten, wenn sie sich das Stück ansehen.

Das Musical, dessen Musik Sir Elton John geschrieben hat, basiert auf dem gleichnamigen Film, der im Jahr 2000 erschienen ist. Es erzählt die Geschichte eines Buben aus der Arbeiterklasse, der in der Zeit der Bergarbeiterstreiks Balletttänzer werden möchte – und für seinen Traum hart kämpft.

Dieser Inhalt irritiert offenbar die ungarischen Rechten. Die Ministerpräsident Viktor Orbán nahestehende Tageszeitung Magyar Idők hat eine regelrechte Kampagne gegen das Musical gestartet. In einer Serie von Artikeln behauptet sie unter anderen, das Stück könne „ungarische Buben zu Homosexuellen machen“ und das Stück fördere einen „abweichenden Lebensstil“.

„Propagierung von Homosexualität kann kein nationales Ziel sein“

In einem Artikel der Zeitung heißt es sogar: „Die Propagierung von Homosexualität kann kein nationales Ziel sein, wenn die Bevölkerung älter und kleiner wird und unser Land von einer Invasion bedroht wird.“ Deshalb sei es „unverständlich, was sich in einer öffentlichen Einrichting wie dem Opernhaus ereignet hat. In den vergangenen zwei Saisonen konnten wir immer mehr Opernaufführungen mit offen homosexuellen Bezügen und Szenen sehen“, empört sich die Autorin.

Nun hat diese Propaganda erste Konsequenzen: Operndirektor Szilveszter Ókovács erklärte dem ungarischen Web-Portal 444.hu: „Wie sie wissen, hat die negative Kampagne, die es in den letzten Wochen gegen ‚Billy Elliot‘ gegeben hat, dazu geführt, dass es einen großen Rückgang bei den Kartenverkäufen gegeben hat, und deshalb streichen wir in Absprache mit der Geschäftsführung 15 Vorstellungen.“

Gab es politischen Druck, um die Vorstellungen von „Billy Elliot“ abzusagen?

Dabei handelt es sich vor allem um Vormittagsvorstellungen, die von Schulklassen besucht werden. Nach Informationen von 444.hu ist die Streichung der Vorstellungen aber nicht nur der schlechten Auslastung geschuldet. So soll es auch politischen Druck gegen das Stück gegeben haben. Okovacs betont, dass das Musical noch immer 24 Mal zu sehen sei, eine Ausstellung sei sogar ausverkauft, betont der sonst eher Orbán-freundliche Theaterleiter.

In einer Antwort an Magyar Idők streicht Ókovács sogar heraus, dass die einzig offen schwule Figur des Films, Billys Freund Michael, in der ungarischen Version des Stücks gar nicht vorkommt. Das Stück ist in Ungarn erst für Besucher ab dem vollendeten 14. Lebensjahr empfohlen.

Regierungsnahe Medien haben derzeit die LGBT-Community und alle, die ihr nahestehen, im Visier

Dabei ist nicht einmal sicher, ob es die Orbán-nahen Medien mit ihrer Kampagne wirklich primär auf das Musical abgesehen haben. Denn das hatte bereits vor zwei Jahren seine Premiere. Allerdings findet am 7. Juli der Abschlussmarsch der Budapest Pride statt – und im Vorfeld machen die rechtsnationalen Medien auf breiter Front gegen sexuelle Minderheiten mobil.

So veröffentlichte die ebenfalls rechtsgerichtete Wocheinzeitung Figyelő diese Woche eine Liste von Akademikern der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, die an „Homo-Rechten und Gender-Wissenschaften“ arbeiten würden.

Es scheint, als wollen rechtsnationale Medien im Umkreis von Ministerpräsident Viktor Orbán dafür sorgen, dass die Einschränkung der Rechte für sexuelle Minderheiten ohne große Proteste in der Bevölkerung passieren kann. Denn wenn es heute um ein Musical geht, kann es morgen um die Budapest Pride gehen – und übermorgen um die gesamte lebendige LGBT-Szene der ungarischen Hauptstadt.