Home Magazin Buchtipp „Vervirte Zeiten“: Der unbewegte Mann im Lockdown

„Vervirte Zeiten“: Der unbewegte Mann im Lockdown

Vom Facebook-Hit zum Zeitdokument: Ralf Königs neues Meisterwerk

Vervirte Zeiten
Ralf König/Rowohlt

Seit gut einem Jahr macht das Coronavirus uns allen das Leben ziemlich schwer – und besonders schwer fällt es offenbar Paul, Ralf Königs hormongesteuerten Mittfünfziger, sich an die Quarantäne mit seinem kulturbeflissenen Ehegatten Konrad zu halten. Ein gutes halbes Jahr lang hat König seinen Fans den Lockdown mit Szenen aus dem Leben der beiden Hauptfiguren versüßt – jetzt gibt es die Zeichnungen mit jeder Menge zusätzlichem Material als Buch.

Ralf König sieht die bizarren Situationen des Alltags

Mit seinem typischen Humor deckt Ralf König bizarre Alltagssituationen rund um Corona auf: Kinder, die plötzlich ihre Eltern im Altersheim besuchen wollen, Eltern, die von ihren Kindern plötzlich Drogen haben wollen oder Hunde, deren Paarungsverhalten sogar dem guten Paul Konkurrenz machen würde – doch es in diesen „Vervirten Zeiten“, so der Titel des Buches, genauso wenig ausleben können wie der hormongesteuerte Science-Fiction-Autor.

Ralf König: Vervirte Zeiten
Deutschland 2021, Rowohlt Verlag
192 Seiten, gebunden, € 24.70

Und so wird schließlich der Filialleiter vom Supermarkt zum unerreichbar scheinenden Objekt der Begierde – bis es schließlich nach einigen Verwicklungen zu einem Videochat kommt, der dank Pauls unkontrollierbarer Libido, des speziellen Charakters seines Flirtpartners und der Besonderheiten digitaler Kontaktpflege anders ausgeht als erwartet.

Die Lebenskrise schwuler Männer ohne Online-Dating und Cruising-Bars

Neben Konrad und Paul leidet dabei auch ihr gesamter Freundeskreis an Lockdown, Klopapierkrise und einer Einsamkeit, wie sie auch viele schwule Männer in dieser Zeit kennengelernt haben – wenn das Grindr-Date durch die Ausgangsbeschränkungen unerreichbar bleibt und die Bars mit und ohne dunklen Räumen ihre Pforten geschlossen halten müssen.

Rowohlt

„Vervirte Zeiten“ ist eigentlich ein Zufallsprodukt: Als das Coronavirus auch über Europa hereinbrach, verarbeitete Ralf König seine ersten Erfahrungen mit der neuen Situation in Cartoons, die er auf Facebook und Instagram teilte. Bald entwickelte sich eine stetige Fangemeinde, woraufhin der 60-Jährige seinen Fans von Frühjahr bis Herbst 2020 fast jeden Tag einen neuen Comicstrip zeichnete.

Durch Zufall entstand ein einmaliges Zeitdokument

„Ich bekam durch die allgemeine Ausbremsung einen bemerkenswerten kreativen Arschtritt“, schreibt König im Vorwort von „Vervirte Zeiten“. Gemeinsam mit zusätzlichen Episoden gibt es dieses 192 Seiten starke Buch. Pointiert wie immer sprechen Ralf Königs Knollennasen das aus, was sich viele von uns nur denken – besonders, wenn es nicht ganz jugendfrei ist.

Und so ist Ralf König ein einmaliges Zeitdokument entstanden – fast tagesaktuell wird die erste Phase der Coronakrise im wahrsten Sinne des Wortes nachgezeichnet, unter besonderer Berücksichtigung auf die Eigenheiten gleichgeschlechtlich liebender Cis-Männer höheren Alters. Dabei sind die Protagonisten vielleicht nicht immer politisch korrekt – aber immer ehrlich und liebenswert.