Donnerstag, 18. Juli 2024
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Kardinal Schönborn kritisiert Segnungsverbot für gleichgeschlechtliche Paare

Auch 64 Prozent haben kein Verständnis für das Nein der Glaubenskongregation

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Ungewohnt deutliche Kritik am Nein des Vatikans zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare kommt von Österreichs ranghöchstem Geistlichen: In der gestrigen „Pressestunde“ des ORF hat er den Erlass der Glaubenskongregation als „eindeutigen Kommunikationsfehler“ bezeichnet. Unterdessen zeigt eine aktuelle Umfrage, dass ein Großteil der Österreicher:innen mit der Position des Vatikans ein Problem hat.

Die Kirche solle mehr über Liebe und weniger über Sex sprechen, empfiehlt Schönborn

Die Glaubenskongregation in Rom hatte am 15. März ein zweiseitiges „Respnsum ad dubium“ (Antwort auf einen Zweifel) veröffentlicht, wonach Segnungen menschlicher Beziehungen nur dann möglich seien, wenn damit den Plänen Gottes gedient sei – und dazu zählten gleichgeschlechtliche Partnerschaften nicht. Allerdings solle die christliche Gemeinscaft Menschen mit homosexuellen Neigungen respektieren.

„Ich war dieser Tage bei einem lieben alten Freund, der geht auf den Hunderter zu, der sechzig Jahre lang treu in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft gelebt hat. Da muss ich auch meiner lieben Mutter Kirche sagen: Ist das nicht ein Wert? Ist das etwas, wovor ich mich auch verneige?“, so Schönborn in der „Pressestunde“. Er würde der Kirche empfehlen, weniger über Sexualität und mehr über Liebe zu sprechen: „Redet mehr über gelungene Beziehungen und weniger über ‚Das ist erlaubt, und das ist nicht erlaubt‘.“

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Auch Dompfarrer Toni Faber kündigte an, weiter gleichgeschlechtliche Paare zu segnen

Bereits am Mittwoch hatte sich Schönborn „nicht glücklich“ mit dem Erlass der Glaubenskongregation gezeigt. Natürlich sei das Ja zur sakramentalen Ehe etwas Heiliges, aber er kenne auch viele Menschen, „Ich kenne viele Menschen, die gleichgeschlechtlich lieben und für die dieses Wort aus Rom eine tiefe Verletzung war“, so der Kardinal. Als Mitglied im Kardinalsrat der Glaubenskongregation hätte er sich gewünscht, dass dieses Thema zunächst dort besprochen worden wäre.

Schützenhilfe bekommt Schönborn von seinem Dompfarrer Toni Faber. „Wenn ich den Auftrag hätte, mit zwei Textseiten den größtmöglichen Schaden für die Kirche auszulösen, dann würde ich genau so einen Brief schreiben, wie ihn die Glaubenskongregation jetzt verfasst hat“, sagte er dem Nachrichtenmagazin profil. Faber kündigte an, gleichgeschlechtlich liebende Paare nicht nach Hause zu schicken.

277 Theologen kritisieren die Erklärung des Vatikans – so wie 64 Prozent der Österreicher

Auch sonst formiert sich in Deutschland und Österreich der Protest von Theologen. Wie die katholische Nachrichtenagentur kathpress berichtet, wurde eine an der Universität Münster entworfene Protestnote bereits von 277 Theologieprofessor:innen unterzeichnet. Dabei kamen 46 Unterstützungen von Universitäten in Österreich und Südtirol.

Angeschlossen haben sich unter anderem die Dekane der katholisch-theologischen Fakultäten in Wien, Salzburg, Graz und Linz. Die Protestnote thematisiert, dass es der Erklärung der Glaubenskongregation „an theologischer Tiefe, an hermeneutischem Verständnis sowie an argumentativer Stringenz“ mangle.

Rückendeckung bekommen Schönborn, Faber und die hunderten weiteren Theolog:innen, die sich gegen das Vatikan-Schreiben stellen, auch durch eine aktuelle Umfrage. Wie Unique Research im Auftrag von profil erhoben hatte, können nur 13 Prozent der Östereicher:innen die Ablehnung der Segnung homosexueller Paare nachvollziehen. 64 Prozent haben hingegen kein Verständnis für das Nein der Glaubenskongregation. 21 Prozent geben an, es sei ihnen egal, was die Kirche mache. Drei Prozent machten keine Angaben.