Anschlag in Dresden: Heute kam der Überlebende zu Wort

An die folgenschwere Tat hat er fast keine Erinnerung - und ist froh darüber

Justitia
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Im Prozess um den tödlichen Messerangriff eines 21-jährigen Islamisten auf zwei schwule Männer in Dresden hat heute, Freitag, der Überlebende der Attacke ausgesagt. Der 54-jährige Oliver L. wurde über Video an das Oberlandesgericht zugeschaltet, weil er psychisch noch nicht in der Lage ist, an den Ort des Verbrechens zurückzukehren.

„Und es war klar, dass es eine starke Bedrohung ist“

Über den 4. Oktober 2020, der sein Leben für immer veränderte und das seines Partners beendete, hat er keine vollständige Erinnerung mehr. „Wir sind in die Gasse gebogen und plötzlich kam ein Schlag, völlig überraschend, in den Rücken“, erinnert er sich. Im ersten Moment hätten er und sein Lebensgefährte gedacht, dass ihnen freundschaftlich „wie auf die Schulter“ geklopft hätte.

Doch dann hätten sie sich gleichzeitig umgedreht, angesehen und um Hilfe gerufen. „Und es war klar, dass es eine starke Bedrohung ist“, so der Lohnbuchhalter aus Nordrhein-Westfalen. Dass er in diesem Moment lebensgefährlich verletzt worden war, daran kann er sich nicht mehr erinnern. Er sei „ehrlich gesagt, auch froh darüber“.

„Ich bekam so schlecht Luft, zu wenig Luft“

Er wisse nur mehr, dass er am Boden lag und um Hilfe gerufen hatte, eine Frau hielt seine Hand. „Ich bekam so schlecht Luft, zu wenig Luft. Irgendwann tat der Rücken weh“, sagt er vor Gericht aus. Und er ist körperlich noch immer nicht genesen. Die Stellen, wo der islamistische Attentäter in seinen Rücken und sein Bein geschnitten hatte, sind immer noch taub.

Doch die seelischen Wunden sind tiefer. Denn bei dem Anschlag hatte er den Mann, mit dem er mehr als sieben Jahre zusammen war, verloren. Als er vor Gericht nach seinem seelischen Zustand gefragt wird, stockt der 54-Jährige, kämpft mit den Tränen. „Es fällt mir schwer, die Trauerbewältigung“, sagt er: „Wenn ich abgelenkt bin, dann geht’s. Aber ansonsten…“

Zeugin: „Als ich aus dem Fenster sah, merkte ich schnell, das ist schlimmer, da ist schon Blut“

Zuvor hatten mehrere Augenzeugen die dramatischen Minuten beschrieben. Eine 34-Jährige sagte mit Blick auf den Angeklagten, dass sie gesehen habe, wie er zugestochen hätte: Sie war am Abend der Tat mit einer Freundin in einem Café, als diese plötzlich gesagt hätte, auf der Straße gebe es eine Prügelei: „Als ich aus dem Fenster sah, merkte ich schnell, das ist schlimmer, da ist schon Blut“, gab sie vor Gericht zu Protokoll.

Seit Montag muss sich ein 21 Jahre alter Syrer wegen Mordes, versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Dresden verantworten. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, die beiden Touristen aus Nordrhein-Westfalen aus islamistisch motiviertem Schwulenhass niedergestochen zu haben. In den Opfern sah er demnach „ungläubige“ Repräsentanten einer offenen Gesellschaftsordnung.