Almodóvar-Filme in Ungarn gleich eingestuft wie „Exorzist“

Medienbehörde veröffentlicht Richtlinie für "Anti-Homo-Gesetz"

Budapest
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In Ungarn hat die Medienbehörde NMHH am Mittwoch die Richtlinien präsentiert, nach denen Sender das umstrittene „Anti-Homosexualitäts-Gesetz“ umsetzen müssen. Das Gesetz hat das Ziel, Minderjährige von allzu positiven Informationen über nicht-heterosexuelle Lebensweisen fernzuhalten.

Wenn Homosexualität „gefördert“ wird, droht Jugendverbot

Die neuen Richtlinien gelten vor allem für jene Filme und Serien, die der Behörde zufolge „Tugenden oder die Einzigartigkeit der Vorteile von Homosexualität oder einer Änderung des Geschlechts“ zeigen – sie bekommen eine höhere Alterseinstufung. Teils gelten für diese Werke nun in Ungarn die gleichen Einschränkungen wie für sehr explizite Horrorfilme, die auch bei uns als jugendgefährdend eingestuft werden.

„Sendungen, die Sexualität um ihrer selbst willen darstellen, Homosexualität oder Geschlechtsumwandlungen fördern, fallen unter die fünfte Alterseinstufung, nicht für unter 18-Jährige empfohlen“, heißt es in der Veröffentlichung der Behörde.

Das führt mitunter zu sehr ungewöhnlichen Ergebnissen. So ist in Ungarn etwa nach Auskunft von NMHH Pedro Almodóvars Oscar-gekrönter Film „Alles über meine Mutter“ oder die Serie „The L Word“ mit der gleichen Alterseinstufung versehen wie die Horrorfilme der „Saw“ oder „Exorzist“-Reihe.

„Allgemeine Gesten“ bleiben auch gleichgeschlechtliche erlaubt

Die ungarische Medienbehörde betont, dass die Darstellung von Homosexualität oder Gender-Themen prinzipiell erlaubt bleibe und die Alterseinstufung nicht berühre, sofern diese Themen nicht als „bestimmendes Merkmal“ des Films oder der Serie eingestuft werden.

„Allgemeine Gesten, die Zärtlichkeit ausdrücken, wie ein Wangenkuss, eine Umarmung, Händchenhalten beim Gehen oder ein Kuss werden nicht als problematisch angesehen, es sei denn, sie werden um ihrer selbst dargestellt oder bilden einen zentralen Bestandteil des Programms“, heißt es dazu in den veröffentlichten Richtlinien.

Der ungarische Ableger der deutschen RTL-Gruppe, die Ungarns größte Sender betreibt, sowie die ebenfalls in Ungarn tätigen Sender HBO und Netflix haben auf eine Anfrage der Nachrichtenagentur Reuters, wie sich diese Richtlinien auf ihr Programm auswirken, nicht geantwortet.

Gegen die LGBTI-Community, um Stimmen zu maximieren

Das „Anti-Homosexualitäts-Gesetz“ wurde im Juni mit den Stimmen der Regierungskoalition und der rechtsextremen Jobbik-Partei beschlossen. Nach der Verabschiedung haben Bürgerrechtsgruppen in Budapest dagegen protestiert. Die Europäische Union hat deswegen ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Ungarn eingeleitet und hält Corona-Hilfen zurück.

Mit dem Gesetz rüstet sich Premierminister Viktor Orbán bereits für die Parlamentswahlen im nächsten Jahr: Um verlorene Wählerstimmen zurückzugewinnen, inszeniert er sich als „Beschützer“ sogenannter traditioneller christlicher Werte vor dem Liberalismus des Westens.