Intoleranz hat kein bestimmtes Mascherl

Das Problem ist das Männlichkeitsbild, nicht der Islam

Sujetbild: Islam
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Vor 20 Jahren bereits haben wir uns als Community mit dem Thema Trans- und Homophobie innerhalb der migrantischen Herkunftsgruppen beschäftigt und dazu konkrete Projekte gestartet. Die Situation war niemals rosig, und sie ist es nach wie vor nicht, denn LGBTQI-Feindlichkeit ist in allen religiösen Gruppierungen verbreitet, die von patriarchalen Denkweisen geprägt sind. 

Mit den entsprechenden Organisationen kann man mittlerweile reden

Aber wer sich schon so lange mit dem Thema beschäftigt wie ich, weiß: Es ist anders, als Yannick Shetty es im Gastkommentar suggeriert. Es gibt in der Tat keine Evidenz dafür, dass sich die Situation real verschlechtert hätte – mein Eindruck ist sogar ein gegenteiliger.

Als wir vor 20 Jahren den ersten Verein „ViennaMix“ und später das Medienprojekt „MiGay“ für LesBiSchwuleTrans-Migrant:innen ins Leben riefen, mussten wir die Organisationen der Herkunftsländer noch tunlichst meiden und konnten uns oftmals nur geheim treffen. Heute können wir mit allen zumindest offen über das Thema sowie über die Situation in den jeweiligen Ländern reden.

Fundi-Gruppen haben immer ein Problem mit sexueller Selbstbestimmung

Die Behauptung, dass Betroffene und grundsätzlich alle „progressiven Kräfte“ das Thema nicht kritisch aufgreifen würden, stimmt so also einfach nicht. Ich, als Teil der Community, habe immer klar dazu kommuniziert und konkrete Projekte umgesetzt, allerdings ohne marktschreierische Begleitmusik.

Klar ist: Fundi-Gruppen aus allen Ecken hatten schon immer ein Problem mit sexueller Selbstbestimmung. Gerade am Rande der Vienna Pride wurde das wieder auf traurige Weise sichtbar.

Aktionen wie der „Marsch für die Familie“ oder eine Mauer vor einer Bücherei, mit der Rechtsextreme eine queere Lesung verhindern wollten, zeigten einmal mehr, dass Intoleranz kein bestimmtes Mascherl hat. Mit Flaschen und Eiern wurde ich auf einer Pride jedenfalls bisher nur in Polen beworfen, im orthodoxen Russland wird man fürs Tragen einer LGBTIQ-Fahne verhaftet.

Der Islam hat eine „tausendjährige Geschichte reicher homoerotischer Kultur“

Aber ja, es gibt natürlich viele Muslime, die ein Problem mit Homosexualität haben, obwohl der Koran kein Verbot derselben kennt, sondern – im Gegenteil – auf eine „tausendjährige Geschichte reicher homoerotischer Kultur zurückblickt“, wie der Arabist Thomas Bauer festgestellt hat.

Das Problem in den muslimischen Communitys hängt stark mit einer überhöhten Vorstellung von Männlichkeit zusammen und ähnlich wie in konservativen christlichen Kreisen mit der Frage der Emanzipation. Womit wir uns also in erster Linie beschäftigen müssen, ist das Rollback als generelles Phänomen. In Europa wird dieser dabei vor allem durch Fundis aus dem katholischen Umfeld forciert und finanziert, die auf reaktionäre Weise gegen Abtreibung und LGBTQI-Rechte hetzen.

Das Geld gegen LGBTI-Rechte kommt aus den USA, Russland und Europa

Ein Bericht des Europäischen Parlamentarischen Forums für sexuelle und reproduktive Rechte („Die Spitze des Eisbergs“) analysiert auf eindrucksvolle Weise, wie religiös-extremistische Geldgeber Anti-Gender-, Anti-Choice-, Anti-LGBTQI-Bewegungen aus den USA, Russland und Europa finanzieren. 

Für den Zeitraum von 2009 bis 2018 identifiziert dieser einen Betrag von 707,2 Millionen US-Dollar für eine Gruppe von 54 Organisationen! Über ein solch im wahrsten Sinne des Wortes reich ausgestattetes Netzwerk mit derart hohem Organisationsgrad verfügen konservative muslimische Kreise nicht.

Mehr Unterstützung und weniger Belehrung für die betroffenen Communitys

Die Herkunftscommunitys brauchen jedenfalls mehr Unterstützung und weniger Belehrung. Es ist wichtig, sie für unseren Kampf um LGBTQI-Rechte als Verbündete zu gewinnen. Mit einer einseitigen Diskussion reduzieren wir das Problem bloß auf eine Religionsgemeinschaft und geben rechten Kräften zusätzlich noch eine Trägerrakete, um ihre rassistischen Ressentiments zu lancieren.

In Berlin gibt es jetzt im Übrigen eine LGBTQI-Moschee – ob der Papst auch mal eine Regenbogenfahne im Vatikan hisst?

Dieser Kommentar ist eine Antwort auf den Kommentar von Neos-Abgeordnetem Yannick Shetty und zuerst im Standard erschienen.

  • Ewa Ernst-Dziedzic ist stellvertretende Klubobfrau der Grünen im Nationalrat und Sprecherin für Außenpolitik, Migration, Menschenrechte und LGBTI.