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Homosexualität in anderen Kulturen

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Homosexualität gibt es nicht nur in unserem Kulturkreis. Auch bei anderen Völkern und Kulturen sind gleichgeschlechtliche Beziehungen durchaus üblich.

In vielen Ländern Afrikas steht Homosexualität heute unter Strafe. Angeblich sei sie „unafrikanisch“, behaupten viele Politiker. Doch jene Gesetze, die schwulen und lesbischen Sex unter Strafe stellten, stammen aus der Kolonialzeit. Sie sind oft ein Überbleibsel der Sexualmoral des viktorianischen England. Denn zuvor gab es in Afrika viele Arten gleichgeschlechtlicher Zuneigung.

Allein in Zimbabwe konnte der amerikanische Psychologe Marc Carlson bei 48 Stämmen homosexuelles Verhalten feststellen. Es gibt aber viele verschiedene Arten von Homosexualität bei verschiedenen Kulturen: In Venda, einem Gebiet in Südafrika gab es ein System von Frauenhochzeiten. Und auch unter den Frauen der arabisch-afrikanischen Swahili-Bevölkerung von Mombasa (Kenia) existierte ein offenes soziales Netz lesbischer Paare, meistens bestehend aus älteren, reicheren Witwen oder Geschiedenen und jüngeren, mittellosen Liebhaberinnen.

In vielen afrikanischen Sprachen gibt es Bezeichnungen für Homosexuelle: Eine „Kifi“ ist bei den Hausa in Nigeria eine Lesbe, „Mashoga“ und „Basha“ heißen ein Mann und sein Partner bei den Swahili und die Ovambo in Angola kennen das Wort „Eshengi“ für „den, der von hinten genommen wird“.

Es gibt aber auch versteckte Formen von Homosexualität: Bei Stämmen in Zimbabwe wird „Kupindira“ praktiziert: Der Mann heiratet eine Frau, wenn er aber lieber mit einem anderen Mann Sex haben will, bittet er seine Frau, mit seinem Bruder zu schlafen. So wird die Familienlinie erhalten. Außerhalb der Familie wurde darüber elegant geschwiegen.

Eine weitere Form von homosexuellen Beziehungen ist die ritualisierte Homosexualität: In einigen Regionen Westafrikas gehörte es zur Ausbildung zum Erwachsenwerden, dass Mädchen sexuelle Kontakte mit älteren Frauen haben. Die Azande, ein Volk im südlichen Sudan, unterhalten ein stehendes Heer aus unverheirateten jungen Männern. Diese „heiraten“ männliche Jugendliche und leben mit diesen, bis sie den Brautpreis für eine Ehefrau zahlen können. Dabei sind die Jugendlichen einerseits Geschlechtspartner und andererseits Kriegsknappe.

Sind sie alt genug, um selbst ein Krieger zu werden, suchen sie sich selbst eine „Knabenfrau“. Solche Formen des „pädagogischen Eros“ waren besonders bei Kriegervölkern weit verbreitet: Die sogenannte „Knabenliebe“ im alten Griechenland gehört ebenso dazu wie die sexuellen Praktiken mancher osmanischer Sultane.

Gleichgeschlechtliche Liebe war im alten China weit verbreitet. Einen negativen Stellenwert hatte sie dabei nicht. Erste Beweise dafür gibt es schon in der Mythologie: Huláng Di, ein legendärer Kaiser und Begründer der chinesischen Kultur, der von 2674-2575 v. Chr. gelebt haben soll, hat der Erzählung nach männliche Geliebte gehabt.

Auch gibt es in den Anekdoten über chinesische Herrscher etliche Anspielungen auf gleichgeschlechtliche Beziehungen. Der Gelehrte Pan Guangdan kommt sogar zu dem Schluss, dass fast jeder Kaiser der Han-Dynastie, die von 206 v. Chr. bis 220 n. Chr. gedauert hat, männliche Sexualpartner gehabt haben dürfte.

Einer der berühmtesten chinesischen Dichter, Qu Yuan, der von 340-278 v. Chr. lebte, war nach Forschungen ein Geliebter seines Königs. In seinem wichtigsten Werk „Li Sao“ (Die Sorge des Abschiednehmens) nannte er sich einen hübschen Mann, seinen König beschrieb er mit einem Wort, das damals von Frauen verwendet wurde, um ihre Liebhaber zu beschreiben. Erste deutliche Referenzen auf homosexuelle Beziehungen finden sich in der chinesischen Literatur ab dem 6. Jahrhundert.

In der Song-, Ming- und Quinn-Dynastie, also von 960 n. Chr. bis zum Ende des Kaiserreichs Anfang des 20. Jahrhunderts, soll Homosexualität sehr populär gewesen sein – zu einer Zeit, in der schwule Männer in Europa als Sodomiten Verfolgung und Todesstrafe ausgesetzt waren. Auch lesbische Beziehungen werden von zeitgenössischen Geschichtsschreibern beschrieben.

Ein erstes Gesetz, das Sex unter Männern verbot, wurde im Jahr 1740 verabschiedet. Wie effektiv es durchgesetzt wurde, ist nicht klar. Mit zunehmenden westlichen Einflüssen wurde die chinesische Tradition der Männerliebe aber immer weiter zurückgedrängt.

In der Volksrepublik China hat sich die Situation für Homosexuelle weiter verschlechtert: Besonders während der Kulturrevolution wurden Homosexuelle verfolgt, öffentlich gedemütigt, verhaftet oder sogar hingerichtet. Lesben und Schwule lebten einen „dekadenten kapitalistischen Lebensstil“, hieß es offiziell.

Ironischerweise berichtet der Leibarzt des „großen Vorsitzenden“ Mao Zedong, das sich ausgerechnet dessen sexuelle Vorlieben sich nicht nur auf junge Frauen beschränkt hätten. So soll er junge hübsche Bedienstete gehabt haben, die ihn massieren mussten, bevor er zu Bett ging.

Eine Änderung dieser Ansichten kam erst jüngst: Im Jahr 1997 wurde Analverkehr zwischen Männern entkriminalisiert, im Jahr 2001 wurde Homosexualität in China von der Liste der Geisteskrankheiten gestrichen. In der Bevölkerung gibt es noch immer Vorurteile gegen Lesben und Schwule, die langsam schwinden.

Homosexualität ist in Japan frühestens seit dem 10. Jahrhundert ein akzeptiertes sexuelles Verhalten. Aus dieser Zeit gibt es die ersten Erwähnungen gleichgeschlechtlicher Liebe in der Literatur.

In vergangenen Zeiten galt die Liebe zwischen Männern in Japan sogar als reinste Form der Liebe überhaupt. Eine Sünde war weder in religiöser noch gesellschaftlicher Hinsicht. Im Gegenteil: Besonders buddhistische Klöster scheinen im alten Japan schon früh Zentren homosexueller Aktivität gewesen zu sein. Viele Mönche waren offenbar der Meinung, ihr Keuschheitsgelübde beziehe sich nicht auf schwulen Sex.

Auch im Militär war Homosexualität im alten Japan verbreitet: Für einen jungen Samurai war es üblich, bei einem älteren und erfahreneren Mann in die Lehre zu gehen – für einige Jahre wurde er auch dessen Geliebter.

Später übernahm auch die Mittelschicht viele Praktiken der Krieger. In diesem Fall ließen sich junge Kabuki-Schauspieler, die echte Superstars ihrer Zeit waren, von wohlhabenden Mäzenen, die sich um die Schauspieler förmlich rissen, aushalten.

Erst die moderne Sexualwissenschaft und der Wunsch, sich an westliche Verhaltensweisen anzupassen, hat auch in Japan die Auffassungen von gleichgeschlechtlicher Liebe beeinflusst.

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