[Video|Update] Half schwuler Aktivist den Zwickauer Mörder-Nazis?

Jener 31-Jährige, der heute früh in Düsseldorf von der Elite-Einheit GSG9 als mutmaßlicher Helfer der Zwickauer Neonazi-Zelle verhaftet wurde, ist unter anderem in der schwulen Jugendarbeit und der HIV-Prävention aktiv. Das berichtet das Infoportal „queer.de“. Der offen schwul lebende Carsten S. wird dringend verdächtigt, der Gruppe unter anderem eine Waffe und Munition besorgt zu haben. Ihm wird deshalb Beihilfe zu sechs Morden angelastet.

Wie „queer.de“ berichtet, soll Carsten S. in der Öffentlichkeit und unter Freunden behauptet haben, Ende April 2000 mit seiner Neonazi-Vergangenheit gebrochen zu haben. Davor war er Mitglied des rechtsradikalen „Thüringer Heimatschutzes“ und im Landesvorstand der NPD-Jugendorganisation „Junge Nationaldemokraten“. Er hatte auch Kontakt mit den drei mutmaßlichen Rechtsterroristen Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, denen unter anderem sechs Morde, vor allem an türkischstämmigen Geschäftsleuten, angelastet werden.

Vor dem Beginn der Mordserie im September 2000 will Carsten S. aber aus der rechten Szene ausgestiegen sein. Gegenüber „queer.de“ ließ S. noch vor einigen Tagen durch seinen Anwalt mitteilen: „Seitdem habe ich mich davon distanziert und verabscheue jegliche Art von rechtem, rassistischem und extremistischem Gedankengut. Auch hatte ich nach 2000 keinen Kontakt mehr zur rechten Szene. Weiterhin hatte ich keine Kenntnis von Straftaten, die von dieser Gruppe ausgingen. Mehr möchte ich dazu nicht sagen, da ich vor 11 Jahren ein neues Leben begonnen habe.“

Dem widerspricht nun die Bundesanwaltschaft: Sie vermutet, der gelernte Lackierer habe noch bis 2003 Kontakte zur rechten Szene gehabt. So soll er im Jahr 2001 oder 2002 in Jena eine Schusswaffe und Munition gekauft und über Kontaktpersonen an die drei Terroristen weitergegeben haben. Deshalb wirft ihm die Bundesanwaltschaft auch Beihilfe zum Mord vor: Er soll in Kauf genommen haben, dass diese Waffe für Morde verwendet werden könnte. Allerdings sind die Ermittler noch nicht sicher, ob die Waffe auch tatsächlich eingesetzt wurde. Im Jahr 2000 soll Carsten S. den untergetauchten Terroristen bei einem Versuch geholfen haben, mit einem extra dafür beschafften Handy Kontakt zu deren Eltern aufzunehmen.

Im Jahr 2003 zog Carsten S. von Thüringen nach Nordrhein-Westfalen. In Düsseldorf engagierte er sich zunächst im Schwulenreferat der Universität und der Aids-Hilfe. Dort arbeitete er sich hoch: Er wurde Koordinator des Projekts „Herzenslust“ und einer der Leiter eines Jugendzentrums. Wie „queer.de“ berichtet, sah er diese Arbeit auch als „Kompensation für die Schuld von damals“. Arbeitskollegen berichten, dass er bei immer gewissenhaft und engagiert gearbeitet hatte.

Was hinter den Beteuerungen von Carsten S. steckt, er habe mit der rechten Szene gebrochen, werden die nächsten Wochen zeigen. Gegen 14.00 wurde er mit dem Hubschrauber nach Karlsruhe geflogen, um dort dem Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof vorgeführt zu werden. Der Anwalt von S. hatte bereits angekündigt, sein Mandant werde „entsprechend den gesetzlichen Bestimmungen seinen Verpflichtungen nachkommen“. Es gilt für alle Beteiligten die Unschuldsvermutung.

Die Düsseldorfer Aids-Hilfe gab in einer Stellungnahme bekannt, dass die von der Verhaftung überrascht wurde. Geschäftsführer Peter von der Forst sagte bei einer eilig einberufenen Pressekonferenz, Carsten S. sei ein zuverlässiger Mitarbeiter gewesen, der vor einigen Jahren über seine Vergangenheit in der rechten Szene berichtet habe, ohne die Verbindung zur NSU zu erwähnen. Vorstände, Geschäftsführung und Mitarbeiter des gemeinnützigen Vereins und seine Projekte distanzieren sich mit aller Deutlichkeit von der rechten Szene und ihrem Gedankengut. Ihr Beileid gehöre den Opfern und Hinterbliebenen aller Terroranschläge.

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