Polizei prügelt Unternehmer in Barcelona zu Tode

In der Schwulenszene von Barcelona sorgt der Tod eines 50-jährigen Geschäftsmannes für Aufregung: Er wurde von der Polizei regelrecht totgeprügelt, ergab die Autopsie. Schwulenverbände werfen der Exekutive nun vor mit Schwulen und HIV-Positiven ein gröberes Problem zu haben.

Nachbarschaftsstreit ist eskaliert

Es war am 6. Oktober, als die Mossos d’Esquadra, die katalanische Polizei, zu einem Nachbarschaftsstreit in das Stadtviertel Raval gerufen wurde. Der 50-jährige Juan Andres Benitez, dem zwei Boutiquen im Szeneviertel Gayxample gehören, soll seine Nachbarn angeschrien und attackiert haben. Acht Beamte kamen zu dem Haus. Sie beruhigten die Streitparteien, kurz danach fing der Streit wieder an. Am nächsten Morgen um vier Uhr früh starb Benitez im Krankenhaus.

Über den genauen Hergang des Abends herrscht Unklarheit: Ein Zeuge berichtet, er hörte Schreie einer Frau und sah dann den Kampf zwischen Benitez und seinem Nachbarn. Benitez hatte „das Gesicht und die Arme voller Blut“ und sei „sehr aufgeregt und nervös“ gewesen, sagte ein Zeuge der spanischen Zeitung „El País“. Die beiden Streithähne hatten sich aber angeblich schon beruhigt, als Benitez gegen 22.30 die Polizei rief: Ein Einbrecher habe im Drogen gestohlen. Der Unternehmer sagte, er habe mit dem Einbrecher gekämpft, darum sei er blutig.

Zeugen beobachteten, dass Benitez auch Beamte schlug und biss. Im Polizeibericht ist zu lesen, er sei „sehr nervös, unter dem Einfluss von Betäubungsmittel“ gewesen und legte „aggressives Verhalten“ an den Tag. Die Beamten stürzten sich auf ihn – und waren offenbar nicht zimperlich. Er dürfte bereits bewusstlos gewesen sein, als ihn die Beamten ins Polizeiauto schleppten.

Unternehmer wurde von Polizei geschlagen und getreten

Die Autopsie spricht eine klare Sprache: Die Mediziner stellten zahlreiche Verletzungen, vor allem im Schädelbereich, fest. So wurden ihm die Nase, ein Wangenknochen und das Stirnbein gebrochen und ein Zahn herausgeschlagen. Weiters hatte er Verletzungen an den Lippen und eine Fraktur des rechten Mittelhandknochen. Die Autopsie hält fest: Alle Verletzungen sind typisch für „Faustschläge oder Tritte“, die Ärzte sprechen sogar von „Mord“. Einer oder mehrere Polizisten dürften ihn an den Armen gehalten haben, Benitez versuchte sich, noch zu schützen. Dann pressten sie ihn auf die Straße. Todesursache war vermutlich ein stressbedingter Herzinfarkt, der durch eine Vorerkrankung begünstigt wurde.

Polizeigewerkschaft verteidigt Beamte, Lesben- und Schwulenverbände empört

Die Polizeigewerkschaft verteidigt die Beamten: Der Mann habe gewalttätigen Widerstand geleistet. Außerdem bedauerte sie in einer Presseaussendung zwei Beamte, die sich nach dem Einsatz für ein Jahr einer Postexpositionsprophylaxe unterziehen müssen, also einer vorbeugenden Behandlung nach einem Kontakt mit HIV.

Für katalanische Lesben- und Schwulenverbände bringen solche Aussagen das Fass zum Überlaufen. „Jede Minute gibt es neue erschreckende Details zu diesem Fall: Nicht nur exzessive Gewalt, sondern auch Homophobie und Serophobie“, ärgert sich Quim Arugula von der Gruppe Gais Positius. Denn das spanische Recht verbietet es, den HIV-Status einer Person zu verbreiten.

Wie schwulenfeindlich ist katalanische Polizei?

Die Szene stellt sich nun die Frage, in wie weit Schwulenfeindlichkeit bei den katalanischen Behörden eine Rolle bei der übermäßigen Gewaltanwendung während der Amtshandlung und deren Aufarbeitung spielt. Denn bereits vor wenigen Wochen haben die Mossos für Aufregung gesorgt, als sie ausgerechnet während der Barcelona Pride Razzien in Szenelokalen durchgeführt haben.

Am Dienstag haben sich vor einem von Benitez’ Geschäften 250 Menschen für einen Gedenkprotest versammelt. Der 50-Jährige stammte aus Sevilla. Nach einem Aufenthalt in London zog er vor 15 Jahren nach Barcelona. Er war Mitglied der Vereinigung schwul-lesbischer Unternehmer.

Das Oberste Gericht von Katalonien hat genaue Ermittlungen angeordnet. Die Untersuchungen in diesem Fall übernimmt die spanische Nationalpolizei, um die Objektivität zu gewährleisten. Auch die Mossos haben eine interne Untersuchung eingeleitet.