Missbrauch durch Pfadfinder-Betreuer: Urteil für heute erwartet

In Wien wird heute das Urteil im Prozess gegen einen langjährigen Pfadfinder-Führer erwartet, der seit 1994 Buben missbraucht haben soll. Er bestreitet die Vorwürfe, die Staatsanwaltschaft befürchtet weitere Opfer. Für den 59-Jährigen gilt die Unschuldsvermutung.

Missbrauch von drei Burschen vor Gericht

Die Anklage umfasst drei Opfer, die heute 13, 16 und 28 Jahre alt sind. Den 28-Jährigen soll der Mann von 1994 bis 2001 missbraucht haben: Nach den Pfadfinder-Stunden nahm er ihn mit nach Hause oder unternahm privat mit ihm etwas. Dabei soll er sich an ihm vergangen haben.

Unter anderem werden heute zwei ehemalige Lebensgefährtinnen des 28-Jährigen als Zeuginnen gehört. Einer der beiden soll er, weil es beim Sex immer wieder Schwierigkeiten gab, gestanden haben, dass er als Pfadfinder jahrelang missbraucht worden sei.

Als die Frau in der Zeitung von der Festnahme des Angeklagten erfuhr, rief sie ihren Ex-Freund an und fragte, ob dieser Mann der Täter sei. Als der 28-Jährige dies bejahte, überredete sie ihn dazu, ebenfalls Anklage zu erstatten.

Angeklagte widerspricht Opfern und Zeugen

Der Angeklagte widersprach den Vorwürfen des 28-Jährigen bereits beim Prozessauftakt im Dezember: Diese seien „total falsch“, er sage „aus Bosheit“ gegen ihn aus, nachdem er seine finanzielle Unterstützung für den Mann eingestellt hatte: „Er war sehr, sehr erbost, dass ich ihm nichts mehr gegeben habe.“ Immerhin habe er ihm im Laufe der Jahre immer wieder Darlehen überlassen, die in Summe 53.000 Euro ausmachten.

Auch die beiden jüngeren Fälle bestreitet der Angeklagte. Laut Anklage soll er an einem heute 16-Jährigen ab Herbst 2009, der Bursch war damals zehn Jahre alt, sexuelle Handlungen vorgenommen haben. Diese hörten erst auf, als der Bursch altersbedingt in eine andere Pfadfindergruppe kam.

Hier behauptet der Angeklagte, dass der Teenager, der vor wenigen Monaten wegen Raubes zu einer unbedingten Freiheitsstrafe verurteilt worden war, in ihm einen Sündenbock sehe und ihn „als Anlass für seine strafbaren Handlungen“ vorschiebe.

Verurteilung eines Opfers brachte Fall ans Tageslicht

Denn der 16-Jährige brachte den Fall ins Rollen: Als er in einer Jugendbande als Gewalttäter aufgefallen war, kam er im Frühjahr wegen Raubes in Untersuchungshaft. Bei der Sozialnetz-Konferenz, bei der geklärt werden sollte, ob ihm das Gefängnis erspart werden kann, erlitt der Bursch einen Zusammenbruch – denn ausgerechnet sein ehemaliger Pfadfinder-Betreuer, der ihn jahrelang missbraucht haben soll, trat bei dem Termin als Vertrauensperson auf.

Als dann auch noch die Mutter des Burschen ihm wenig später auch noch sagte, sie überlege sich, auch die jüngeren Geschwister des 16-Jährigen zu den Pfadfindern zu geben, brach dieser sein Schweigen und berichtete von seinen Erlebnissen mit seinem Betreuer. Für diesen klickten dann im April 2015 die Handschellen.

Zwölfjähriges Opfer für Angeklagten „Egoist“

Das jüngste Opfer wurde der Staatsanwaltschaft zufolge seit dem Vorjahr missbraucht. Den damals Zwölfjährigen lernte der 59-Jährige bei den Pfadfindern im Bezirk Korneuburg kennen. Die Anschuldigungen des Burschen führt er auf dessen Egoismus zurück: „Der hat das Problem, dass er alles als Erster haben will. Er hat ein egoistisches Verhalten. Ich habe ihn öfters auf harte Art zurückgewiesen“, erklärt er sich die Vorwürfe.

Dass bei einer Hausdurchsuchung des 59-Jährigen kinderpornografisches Material gefunden wurde, führte er Richter Andreas Böhm gegenüber an einem früheren Prozesstag auf „meine Lebensumstände, die in den letzten Jahren eingetreten sind“ zurück: Sein Vater wurde schwer krank und starb, er wurde gegen seinen Willen pensioniert, mehrere Bekannte starben. Das hätte ihn „aus dem Konzept, aus der Bahn geworfen. Da kommt man auf Ideen, da kommen einem Gedanken durch den Kopf“.

Gibt es noch weitere Opfer?

Staatsanwältin Gabriele Müller-Dachler geht davon aus, dass die Zahl der Opfer des 59-Jährigen höher sei. Ihr erscheine es aufgrund der Umstände wenig wahrscheinlich, dass der Mann zwischen 2001 und 2009, in der keine strafbaren Handlungen angeklagt sind, auch keine Taten begangen habe.

Das Urteil wird für heute nachmittag erwartet, dem Mann drohen bis zu zehn Jahre Haft.