Tschetschenien: Polizisten sollen zwei Schwule lebendig begraben haben

Immer neue grausame Details über die Schwulenhatz im Nordkaukasus kommen ans Tageslicht

Gefängnis
Symbolbild - Fotolia

Immer mehr erschreckende Details aus Tschetschenien kommen nun ans Tageslicht: Die russische Zeitung „Nowaya Gazeta“ hat am Dienstag neue Details über die Verschleppung schwuler Männer in der russischen Kaukasusrepublik veröffentlicht. Das schwedische LGBT-Magazin „QX“ zitiert unterdessen aus der E-Mail einer russischen Aktivistin, die Schreckliches berichtet.

Menschenrechts-Organisationen bestätigen die Jagd auf schwule Männer in Tschtschenien

„Seit einigen Wochen fegt eine brutale Kampagne gegen LGBT-Personen durch Tschetschenien“, bestätigt auch Tanja Lokschina, bei der Menschenrechts-Organisation „Human Rights Watch“ (HRW) für Russland zuständig.  So hätten Strafverfolgungs- und Sicherheitsbeamte unter der Kontrolle von Ramsan Kadyrow dutzende Männer „wegen des Verdachts der Homosexualität zusammengetrieben, die Opfer gefoltert und gedemütigt. Einige der Männer sind gewaltsam verschwunden. Andere, die zu ihren Familien zurückkehrten, sind nach der Gewalt kaum noch lebendig. Mindestens drei Männer sind offenbar seit Beginn der brutalen Kampagne gestorben.“

Schwule Männer aus Tschetschenien, die nicht in Haft sitzen, versuchen mit allen Mitteln, aus der Region zu fliehen. Einige kommen auf ihrem Weg zu Olga. Die Aktivistin arbeitet in einem Moskauer LGBT-Zentrum. In einer Nachricht an den schwedischen „Regnbågsfonden“, einem schwedischen Fonds für sexuelle Minderheiten,  beschreibt sie die Lage. „Wir arbeiten jetzt aktiv daran, Schutz für die Fliehenden zu finden und sind entschlossen, dem Terror des Staates gegen LGBTQ-Menschen durch den Druck unserer internationalen Partner auf unsere Regierung ein Ende zu setzen“, zitiert „QX“ aus der Nachricht.

Sicherheitsbeamte begruben zwei schwule Männer bei lebendigem Leib

Die Aktivistin berichtet weiters, dass russischen Medien zufolge zwei schwule Männer von den tschetschenischen Sicherheitsbeamten lebendig begraben worden sind. Hunderte andere wurden gefoltert. Eine unabhängige Bestätigung dieser Berichte gibt es nicht – die Regierung in Grosny dementiert sogar, dass es in Tschetschenien schwule Männer gibt.

Unterdessen hat die russische Zeitung „Nowaya Gazeta“ einen weiteren Artikel veröffentlicht, der neue Details zur Schwulenhatz in der Kaukasusrepublik enthüllt. Basis des Artikels sin die Aussagen zweier Zeugen, die mit ihren Familien Russland inzwischen verlassen haben. Weitere Details will die Zeitung den russischen Behörden übergeben. Die „Nowaya Gazeta“ wisse von drei Toten, über einen vierten gebe es „belastbare Beweise“, zitiert das Portal „queer.de“ aus der Zeitung.

Verhaftungen begannen bereits im Februar, als ein Schwuler auf Drogen festgenommen wurde

Die erste Verhaftungswelle unter schwulen Männern in Tschetschenien soll demnach bereits Mitte Februar begonnen haben, nachdem ein unter Drogen stehender Mann verhaftet wurde. Auf seinem Handy fanden die Polizisten einschlägige Fotos und Videos und die Kontaktdaten zahlreicher schwuler Männer. Diese Kontaktdaten waren die Basis für die erste Welle von Verhaftungen, so die Zeitung.

Hinter den Verhaftungen soll der tschetschenische Parlamentspräsident Magomed Daudow stehen, der in Tschetschenien nur „Der Lord“ genannt wird. Er sei wütend geworden, als er vom Inhalt des Handys des Mannes gehört habe, berichtet ein Zeuge der Zeitung. Er habe die Festnahmen aller Kontakte des Mannes angeordnet und damit eine Kettenreaktion in Gang gesetzt: „Die Verhafteten wurden gefoltert, auf eine Flasche gesetzt und mit Elektroschocks gequält“, so der Zeuge.

Zuvor spekulierten russische Medien, dass der Versuch des Aktivisten Nikolai Aleksejew, in Tschetschenien eine Lesben- und Schwulenparade anzumelden, die Behörden derart verärgert hat, dass sie mit den Säuberungen begannen. Doch dieser Antrag war, wie sich jetzt zeigt, nur der Vorwand für die zweite Verhaftungswelle.

Die Verhafteten sollen in einem Geheimgefängnis festgehalten und gefoltert werden

Die meisten Männer wurden bisherigen Informationen zufolge in ein Geheimgefängnis in der 30.000-Einwohner-Stadt Argun, 16 Kilometer östlich von der Hauptstadt Grosny, gebracht. Ihre Mobiltelefone blieben an – und Männer, die anriefen, wurden ebenfalls verhaftet. „Auch sie wurden illegal festgenommen, geschlagen, mit Elektroschocks gefoltert und, im besten Fall, gegen ein großes Schutzgeld freigelassen“, berichtet die „Nowaya Gazeta“. Einige Angehörige der Verhafteten mussten dafür sogar ihre Wohnungen oder Häuser verkaufen.

Erpressungen und Misshandlungen schwuler Männer durch den korrupten Polizeiapparat standen in Tschetschenien schon vor der Verhaftungswelle an der Tagesordnung. Wie ein Zeuge der Zeitung berichtet, musste er alle paar Monate tausende Rubel Schutzgeld zahlen – und wurde auf der Polizeistation trotzdem regelmäßig verprügelt, erniedrigt und gefoltert. Er flüchtete nach Moskau und wollte dort Anzeige gegen seine Peiniger erstatten. Doch die Anzeige wurde nicht angenommen – stattdessen fanden ihn seine Landsleute und verprügelten und erpressten ihn erneut.

Außenminister Kurz bereiten die Berichte „große Sorgen“

Unterdessen hat auch der österreichische Außenminister Sebastian Kurz eine Stellungnahme zur Verschleppung tschetschenischer Schwuler abgegeben: „Aktuelle Berichte über Massenverhaftungen und sogar Tötungen und Folter von homosexuellen Personen in Tschetschenien bereiten mir große Sorgen. Die Verfolgung von Personen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung verstößt gegen die Menschenrechte und ist entschieden zu verurteilen“, so der Außenminister.

Die österreichische Botschaft in Moskau versuche gemeinsam mit anderen EU-Staaten, die Vorwürfe zu verifizieren und gemeinsame Reaktionen anzustimmen. „Die Vorwürfe müssen restlos aufgeklärt und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden“, so Kurz: „Die weltweit zunehmende Diskriminierung, Kriminalisierung und sogar Gewaltausübung an homosexuellen, bisexuellen, trans- oder intersexuellen Personen besorgt mich zutiefst. Die universellen Menschenrechte und die körperliche Integrität und Würde des Menschen sind nicht verhandelbar.“