Mindestens 67 sexuelle Übergriffe bei den Regensburger Domspatzen

Der unabhängige Ermittler geht davon aus, dass es insgesamt mehr als 700 Opfer gibt

Priester
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Mindestens 547 Chorknaben der Regensburger Dompatzen wurden von 1945 bis Anfang der 1990-er Jahre zu Opfern von Gewalt. Davon geht der mit einer genauen Untersuchung beauftragte Rechtsanwalt Ulrich Weber in seinem 444-seitigen Abschlussbericht aus. 500 Chorknaben hätten körperliche Gewalt erlitten, 67 auch sexuelle Gewalt. Es gebe aber eine Dunkelziffer, sagte Weber, der von mindestens 700 Opfern ausgeht.

Schulzeit als „Gefängnis, Hölle und Konzentrationslager“

Dem Bericht zufolge sei es vor allem in der Vorschule, aber auch im Gymnasium zu Gewalt gegen Schüler gekommen. Betroffene hätten ihre Schulzeit als „Gefängnis, Hölle und Konzentrationslager“ bezeichnet, so Weber. Die physische Gewalt sei alltäglich und brutal gewesen. Viele Opfer schilderten die Jahre als „schlimmste Zeit ihres Lebens, geprägt von Angst, Gewalt und Hilflosigkeit“.

Die Qualen waren keine Einzelfälle, sondern hatten System: Die Kinder seien teils blutig geschlagen worden – mit dem Stock, dem Siegelring oder dem Schlüsselbund, so der Bericht. Und wenn ein Kind aus Angst dann ins Bett gemacht hatte, sei es zur Strafe vor seinen Mitschülern bloßgestellt worden. „Der Dreiklang aus Gewalt, Angst und Hilflosigkeit sollte dazu dienen, den Willen der Schüler zu brechen und ihre Persönlichkeit und Individualität zu nehmen“, ist Weber überzeugt.

Omertá, das Gesetz des Schweigens, zum Schutz des Rufs der Domspatzen

Als in den 1960-er Jahren ein Internatsschüler bei einem solchen Vorfall „erheblich verletzt“ wurde, wollte dessen Mutter Anzeige erstatten. Weil Mitschüler aber „gedrängt wurden, über einen Treppensturz zu berichten“, konnten die Prügel nicht bewiesen und somit auch nicht bestraft werden. Am Ende verließ nicht der Täter das Internat, sondern das Opfer.

Verantwortlich für die Gewalt seien in vielen Fällen der Direktor der Vorschule und sein Präfekt gewesen. Allerdings geht Weber davon aus, dass fast alle Verantwortlichen bei den Domspatzen zumindest ein Halbwissen über die Vorfälle hatten – und schwiegen, um die Institution nicht zu gefährden.

Bruder des emiritierten Papstes sah weg, der in den Vatikan beförderte Kardinal verschleppte die Aufklärung

Eine Mitschuld an dem „System der Angst“ gibt der Anwalt auch dem früheren Domkapellmeister Georg Ratzinger, Bruder des emeritierten Papstes Benedikt XVI. (Joseph Ratzinger): Ihm seien „sein Wegschauen, fehlendes Einschreiten trotz Kenntnis vorzuwerfen“, so Weber. Es hätten sich aber keine Erkenntnisse ergeben, dass Ratzinger auch von sexueller Gewalt gewusst habe.

Auch der erst vergangene Woche als Chef der Glaubenskongregation entlassene Regensburger Ex-Bischof, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, habe den Aufklärungsprozess in seiner Amtszeit verschleppt: Er habe „eine klare Verantwortung für die strategischen, organisatorischen und kommunikativen Schwächen“, so der Bericht.

„Von Streicheln bis Vergewaltigungen“: Neun mutmaßliche Täter

Die sexuellen Übergriffe bei den Domspatzen reichten „von Streicheln bis hin zu Vergewaltigungen“, wie es im Bericht heißt. Betroffen waren davon 67 Burschen. Ausgegangen sind die Übergriffe den Erkenntnissen des Ermittlers zufolge von neun mutmaßlichen Tätern zwischen 1945 und 1992.

Mit wenigen Ausnahmen seien die angezeigten Fälle körperlicher Gewalt verboten und strafbar gewesen, für die sexuellen Übergriffe treffe das ohnehin zu. Als mutmaßliche Täter seien insgesamt 49 Beschuldigte identifiziert worden. „Sämtliche mir bekannten Taten sind vor den ordentlichen Gerichten verjährt und nicht mehr verfolgbar“, so Weber in seinem Bericht. Die Betroffenen sollen mit Beträgen zwischen 5.000 und 20.000 Euro entschädigt werden.

In einem Zwischenbericht, der im Jänner 2016 vorgestellt wurde, war noch von mindestens 231 betroffenen Kindern die Rede, die zwischen 1953 und 1992 misshandelt worden sein sollen. Weitere 50 wurden den damaligen Erkenntnissen zufolge sexuell missbraucht.