Kindesmissbrauch vertuscht: Bischof von Lyon verurteilt

Staatsanwaltschaft wollte auf Strafe verzichten - doch die Richterin verurteilte den Würdentärger

Philippe Barbarin
Erzbistum Lyon

Weil er Missbrauchsvorwürfe in seiner Diözese vertuscht haben soll, wurde der einflussreiche Erzbischof von Lyon, Kardinal Philippe Barbarin, zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Er hat mittlerweile angekündigt, von seinen kirchlichen Ämtern zurücktreten zu wollen. Seine Anwälte haben gegen das Urteil Berufung eingelegtm er selbst weist die Vorwürfe zurück.

Der Priester, den Kardinal Barbarin gedeckt hat, soll bis zu 70 Minderjährige missbraucht haben

Das Gericht in Lyon sprach den Kardinal am Donnerstag schuldig, den Priester Bernard Preynat gedeckt zu haben: Dieser soll der Zeitung La Croix zufolge in den 1970er Jahren im Erzbistum Lyon bis zu 70 Minderjährige missbraucht haben.

Im Laufe des Prozesses gab Barbarin zu Protokoll, er habe ab dem Jahr 2000 nur „Gerüchte“ über Preynat gehört. Erst 2014 habe er von den Vorfällen erfahren , als das mutmaßliche Opfer Alexandre Hezez ihn kontaktierte. Barbarin bezeichnete diese Informationen aber als „vage“. Er hat dem Pfarrer erst 2015 den Umgang mit Jugendlichen verboten und seines Amtes enthoben.

Erst 15 Jahre nach den ersten Gerüchten hat er den Pfarrer seines Amtes enthoben

Gegenüber der Tageszeitung Le Monde sagte Barbarin im Jahr 2017, dass ihm dieser Priester geschworen hatte, dass er nach 1991 niemanden mehr missbraucht hatte. „Ich habe das dann zu überprüfen versucht und wir haben nichts gefunden“, so der Kardinal. Den Vorwurf der Vertuschung wies der 68-Jährige zurück – räumte allerdings ein: „Heute würden wir uns nicht mehr so verhalten.“

Auch die Staatsanwaltschaft hatte wegen Verjährung in diesen Fällen keine Anklage erhoben. Verurteilt hat ihn die Vorsitzende Richterin Brigitte Verney wegen seines Schweigens zu einem jüngeren Fall von Missbrauch ab dem Jahr 2014. In Frankreich sind alle Bürger gesetzlich verpflichtet, Verdachtsfälle sexualisierter Gewalt an Minderjährigen der Justiz zu melden.

Die Anwälte haben angekündigt, gegen das Urteil zu berufen

Das Urteil geht über die Forderung der Staatsanwaltschaft hinaus. Die Anwälte von Kardinal Barbarin haben angekündigt, gegen das Urteil berufen zu wollen. Trotzdem teilte der Erzbischof inzwischen mit, dass er Papst Franziskus um seine Entlassung bitten wird.

Neben Barbarin standen noch fünf weitere ehemalige Mitarbeiter der Diözese seit Anfang Jänner vor Gericht. Zehn Mitglieder, ehemalige Pfadfinder und mutmaßliche Missbrauchsopfer des Priesters Preynat, traten als Nebenkläger auf. Preynat selbst soll noch dieses Jahr vor Gericht gestellt werden.

Drei französische Bischöfe wurden wegen der Vertuschung von sexuellem Missbrauch verurteilt

Barbarin ist der dritte französische Bischof, der in einem Fall sexuellen Missbrauchs verurteilt wurde. Im Jahr 2001 wurde der Bischof von Bayeux-Lisieux, Pierre Pican, zu drei Monaten Haft verurteilt, weil er sexuelle Übergriffe auf Minderjährige nicht angezeigt hatte. Ende November, wurde Bischof André Fort, ehemaliger Bischof von Orléans, zu acht Monaten Gefängnis verurteilt, weil er pädophile Handlungen von Geistlichen nicht gemeldet hatte.

Die Vorwürfe gegen den Preynat und die Rolle von Barbarin sind auch Thema des Spielfilms  « Grace à Dieu » („Gelobt sei Gott“) des französischen Regisseur François Ozon. Der Film, der auf der Berlinale den Preis der Jury erhielt, ist seit drei Wochen in den französischen Kinos zu sehen.