Seit viereinhalb Jahren veranstaltet Gernot Lindner, der amtierende Mr. Leather Austria, gemeinsam mit einem Freund den Salzburger Fetish Abend in der HOSI Salzburg. Jeden dritten Freitag im Monat wird die Alltagskleidung gegen Leder, Gummi, Army, Sportswear, Worker oder Tracht getauscht, um im intimen Rahmen den eigenen Fetish auszuleben. Dabei wird der Abend immer internationaler – neben Mr. Leather Italy 2016 Neri Grimaldi hat auch der „First runner up“ des Mr. Leather Hamburg 2017, Wolfgang Krömke, seine Aufwartung gemacht. Und völlig überraschend kam auch die Salzburger Journalistin Dorina Paschner vorbei. Das sind ihre Eindrücke.


Eigentlich ist das Gebäude in der Salzburger Gabelsbergerstraße eher unscheinbar: Gelbe, fleckige Fassade, die länglichen Fenster sind von Stuck umrandet. Typischer Salzburger Altbau würde man sagen. Etwas ungepflegt, aber dennoch ist seine alte Schönheit zu erahnen. Doch etwas unterscheidet  das mehrstöckigen Haus von den anderen, die an ihm gereiht sind. In der Lokalität an der Ecke sind die großen Schaufenster mit einer schwarzen Plane abgedeckt. Allein die pinke Leuchtschrift lässt erkennen, dass dahinter die Hosi – die Salzburger Homosexuellen-Initiative – steckt.

Immer wieder geht die gläserne Haustür auf. Es sind Fetzen von elektronischer Musik zu hören. So einförmig wie der Rhythmus scheinen auch die Menschen zu sein, die das Hosi an diesem Abend betreten. Es sind Männer, hauptsächlich in dunklen Lederjacken und Lederhosen – manche auch mit einer ledernen Polizeimütze. Wer jetzt an die Village People denkt, ist gar nicht so falsch, denn es ist Fetisch-Party in der Salzburger Hosi.

Eigentlich liegt dem Wort „Fetisch“ ein Zauber inne

Fetisch – ein Wort, wie ein Peitschenhieb. Nicht nur wegen seinem Klang denkt man an Sado-Maso oder Fessel-Praktiken wie Bondage. Doch eigentlich liegt seinem Anfang ein Zauber inne: Das Wort Fetisch stammt von dem lateinischen Verb „facere“ (machen) und dem portugiesischen Wort für Zauber, „feitico“, ab. Beim sexuellen Fetischismus werden Objekte, Materialien oder Körperteile zum Gegenstand sexueller Begehrlichkeit. Ende des 19. Jahrhunderts verwendete der französische Psychologe Alfred Binet zum ersten Mal dieses Begriff. Er wollte damit erklären, wieso Menschen unbelebte Objekte oder einzelne Körperteile – wie etwa Füße – sexuell begehrten. Dabei gibt es genauso viele psychologische Theorien zum Fetischismus, wie es Ausformungen davon gibt.

Einmal das Lokal betreten, kommt einem ein intensiver Ledergeruch entgegen. Es sind ausschließlich Männer da, circa dreißig an der Zahl. Sie sind hauptsächlich in schwarz und dunklem Grau gekleidet. Im gedimmten Licht der Kronleuchter trinken sie ihr Bier, unterhalten sich und beobachten die Neuankömmlinge. Hinter der Bar schenken zwei Männer, ebenfalls in Lederklamotten, Bier aus.

„Mister Leather Austria“ Gernot Lindner ist eine Erscheinung für sich

Einer von ihnen trägt eine schwarze Schärpe mit der Aufschrift „Austria“. Erst bei genauerem Hinsehen, kann man am oberen Ende die Wörter „Mr. Leather“ erkennen. Dieser Mister Leather 2016 ist Gernot Lindner. Der 43-Jährige organisiert die Veranstaltung „Hosi Goes Fetish“ seit fünf Jahren. An jedem dritten Freitag im Monat kommt hier die Salzburger Fetischszene zusammen. Und auch viele Gäste aus Bayern oder dem benachbarten Oberösterreich ziehen an diesem Abend ihre Lederklamotten an.

HOSI Goes Fetish
Wolfgang Kroemker

Der Salzburger Gernot Lindner ist eine Erscheinung für sich: Schwarze Lederstiefel, Lederhose, ellenbogenlange Lederhandschuhe, kurzärmeliges Lederhemd, darüber ein schmales Ledergilet – dazu kommen die kurz geschorenen Haare und ein leicht ergrauter Dreitagebart. „Ich gehe offen mit meinen Fetisch um und ziehe fast täglich Lederhosen an“, sagt Gernot Lindner. Der offizielle Facebook-Page von Mister Leather 2016 folgen über 550 Leute. Den Fetisch verheimlichen, ist da kaum noch möglich: „Meine Kollegen und mein Chef kennen meine Vorliebe für Leder und akzeptieren das vollkommen“, sagt Lindner, der in der IT-Abteilung der Porsche Bank tätig ist.

Neben seinem Hauptberuf ist er ist nicht nur seit 15 Jahren in der Lederszene unterwegs, sondern engagiert sich auch für die Anliegen homosexueller Menschen. Ein Jahr hat Mister Leather bei der Aidshilfe Salzburg als Zivildiener gearbeitet. Heute ist er Coming-Out-Berater bei der Hosi. Mit der Wahl zum Mister Leather hat der Salzburger auch einige Verpflichtungen übernommen. „Vor allem muss man seine Community auf nationalen wie internationalen Fetisch-Veranstaltungen vertreten. Da bin ich sehr oft in Berlin, Antwerpen oder München unterwegs“, erzählt Lindner. Einen Platz zum Schlafen findet Lindner oftmals bei Bekannten aus der Fetischszene. „Die Fetisch-Gemeinschaft ist wie eine Bruderschaft. Man kennt sich untereinander. Egal ob aus Deutschland, Österreich, Belgien, Spanien, Italien oder sonst woher.“

Hoher Besuch aus Norddeutschland hat sich angesagt

Je später der Abend, desto voller wird auch die kleine Bar des Hosi-Vereins. Es wird getrunken, gelacht und viel geredet. Dann tippt jemand mit einem Silberlöffel gegen sein Weinglas. „Hallo, hallo, kann ich kurz Aufmerksamkeit haben?“, erklingt eine Stimme vom Ende der Bar. Dort steht ein Mann mittleren Alters, die ergrauten Haare sind kurz getrimmt, die blauen Augen sind von einer randlosen Brille eingerahmt, die Bügel der Brille haben die gleiche Farbe wie sein dunkelgrauer Bart. Und er ist ganz in Leder gekleidet.

Wolfgang Kroemker ist der zweitplatzierte Mister Leather 2017 in Hamburg und extra aus Bremerhaven hierher gereist. Knapp tausend Kilometer hat er quer durch Deutschland zurückgelegt, um beim Salzburger Fetisch-Abend den Hamburger Verein zu vertreten. Wolfgang Krömker ist auch noch Vorsitzender des Bremer Fetischclub „LCNW e.V.“ (Lederclub Nordwest).  Nach einer kurzen Ansprache, in der er sich für die Einladung von Mister Leather Austria, Gernot Lindner, bedankt, präsentiert er sein Gastgeschenk: „Bei uns nennt man das Schlumpfwichse“, sagt Kroemker und lacht. Lindner nimmt die eisblaue Flasche hinter die Bar und füllt den Schnaps in Gläser. Ein Geruch von Menthol-Halsbonbons macht sich im Raum breit.

„Gereizt haben mich Lederklamotten erst, seit ich die Village People kenne“

Kroemker, der ebenfalls eine Schärpe über seinen Lederoutfit trägt, ist seit Ende der 1980er Jahren in der Fetischszene unterwegs, „Der Wunsch war schon immer da, aber so richtig gereizt haben mich Lederklamotten erst, seit ich die Village People kenne“, sagt der 56-Jährige. Die amerikanische Disco-Band ist Sinnbild für die Homosexuellen-Bewegung geworden. Und wie auch eines der Bandmitglieder, war Wolfgang Kroemker ebenfalls Polizist. „Als ich mit 16 Jahren zur Polizei kam, war Homosexualität zwar nicht mehr strafbar. Hätten die Kollegen meine sexuelle Neigung mitbekommen, hätte ich es um einiges schwieriger in meinem Beruf gehabt“, erzählt Kroemker.

Wenn der 56-Jährige darüber erzählt, dann mit einer ruhigen und sachlichen Stimme. „In den 1970er Jahren war es in Deutschland noch nicht so leicht, sich als schwul zu outen. Eine Zeit lang führte ich ein Doppelleben und erfand Freundinnen. Aber Mädchen interessierten mich einfach nicht“, sagt Kroemker. „Ich hatte das Gefühl, meine Eltern, hätten lieber einen straffälligen Sohn, statt eines homosexuellen“, erzählt der 56-Jährige. Trotz der geringen Unterstützung vom Elternhaus, engagierte sich Wolfgang Kroemker schon bald für die Anliegen homosexueller Polizisten. Vor circa 8 Jahren wurde er in der Polizei Niedersachsen (Polizeidirektion Oldenburg) Ansprechpartner für gleichgeschlechtliche Lebensweise. Vor ca. 20 Jahren gründete er mit Kollegen den VelsPol  Niedersachsen, einem Verband für lesbische und schwule Polizeibedienstete.

HOSI Goes Fetish
Wolfgang Kroemker

„Die Fetischszene ist eine große Familie, in der alle zusammenhalten“

Heute ist Wolfgang Kroemker nicht mehr bei der Polizei tätig. „Ich bin seit vier Jahren auf Dauerurlaub“, sagt der Bremerhavener. Vier Jahre ist es her, dass sein Lebenspartner an den Folgen eine HIV-Infektion gestorben ist. Die Fetisch-Gemeinschaft war ein wichtiger Halt in dieser Zeit. „Mein Lebensmotto ist: We are Family. Die Fetischszene ist eine große Familie, in der alle zusammenhalten“, sagt Kroemker und lacht.

Anders als Gernot Lindner trägt der Mann aus Bremerhaven seine Lederklamotten nur zu besonderen Anlässen. „Ansonsten würde für mich der Reiz verschwinden“, sagt der 56-Jährige. Auch wenn die meisten der Anwesenden einen Lederfetisch haben, so betont Kroemker, dass es viele Spielarten des Material-Fetisches gibt. „Fetisch ist grenzenlos. Für die meisten sind die Sportoutfits eine Einstiegsdroge.“ Denn Sporthosen, -oberteile und -schuhe sind noch günstig zu kaufen. „Meist ist es ein Prozess und nachdem man Gummi ausprobiert hat, kommt man letztendlich zum Leder“, sagt der ehemalige Polizist und errechnet in Gedanken den Preis seines Outfits. „Also auf über 1.000 Euro komme ich ganz bestimmt“, erzählt Kroemker.

Leder, Gummi, Sport oder Army: Dresscode ist Pflicht

Wer am Fetisch-Abend der Hosi teilnehmen will, der ist auch einem Dresscode verpflichtet. Neben Leder-, Gummi und Sportklamotten, fallen auch Army-Kleidung, also Heeresuniformen, Tracht und sogenannten Skin-Outfits (Springerstiefel, Lonsdale-Pullover und kurz geschorene Haare) unter dem Dresscode. Vor allem Letzteres mutet einem angesichts des Überhangs an homosexuellen Gästen seltsam an.

Für Mister Leder Österreich, Gernot Lindner, ist Fetisch nicht ausschließlich etwas Sexuelles, sondern ein Lebensgefühl. Die Wahrnehmung in der Gesellschaft sieht er kritisch: „Die meisten wissen nicht, was Fetisch bedeutet. Viele denken dabei an SM-Praktiken und dass Gewalt im Spiel ist. Fetisch ist einfach das, was einem taugt“, ist sich der 43-Jährige sicher. Vielmehr sieht er das Nicht-Ausleben eines Fetisches als Problem: „Viele Leute trauen sich nicht, ihre Fetische auszuleben. Ich glaube, dass sich das sehr negativ auf einen Menschen auswirken kann.“


Der nächste Fetisch-Abend in Salzburg findet am 21. April statt. Nähere Informationen dazu gibt es unter http://www.hosi.or.at/fetish.