Mittwoch, 19. Juni 2024
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Wien: Drei von fünf jungen Muslimen haben Probleme mit Lesben und Schwulen

Doch auch unter jungen Christen sieht es nicht viel besser aus, sagt das Ergebnis einer Studie in Wiener Jugendzentren.

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Drei von fünf jungen männlichen Muslimen, die im Rahmen einer Studie über ihre Einstellungen befragt wurden, lehnen Lesben und Schwule ab. Doch auch unter den befragten Christen ist dieser Wert überdurchschnittlich hoch. Für die Studie „Jugendliche in der Jugendarbeit“ wurden im Winter 2014/2015 insgesamt 400 Personen zwischen 14 und 16 Jahren im Umfeld von Jugendzentren befragt.

In Auftrag gegeben wurde die Studie von der für Jugendarbeit zuständige MA 13. Das Ergebnis sei nicht repräsentativ für alle Wiener Jugendlichen, stellen die Studienautoren Caroline Nik Nafs und Kenan Güngör klar. Denn die Befragten würden eher aus sozial schwächeren Milieus stammen.

Bis zu 59 Prozent der Befragten sind homophob

Unter diesen ist Homophobie aber unabhängig von der Religion weit verbreitet. Insgesamt 46 Prozent der Befragten lehnen Homosexuelle ab. Unter den muslimischen Jugendlichen waren es 59 Prozent, unter den christlich-orthodoxen noch immer 50 Prozent. Und auch unter den befragen Katholiken waren 24 Prozent homophob.

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„Wenn ein Freund oder Bruder schwul wäre, würde ich ihn umbringen“, sagten die 16-jährigen Kemal und Mahmud den Autoren der Studie. Mahmud würde sogar seinen besten Freund „schlagen und einsperren“, wenn dieser sich als homosexuell outen würde.

„Als Ursache für ihre Ablehnung geben die Jugendlichen vornehmlich an, dass dies ‚gegen die Natur‘ und von Gott so nicht vorgesehen sei. Die Jugendlichen weisen zum Teil starken Ekel, aber auch Besorgnis über gesellschaftlichen Werteverfall und ‚Ansteckungsgefahr‘ auf“, heißt es in der Studie dazu.

Große Unwissenheit über Homosexualität unter Jugendlichen

Außerdem zeigt sich, dass es bei den befragten Jugendlichen eine große Unwissenheit zu dem Thema gibt. „Wird man schwul geboren oder passiert das einfach, das habe ich mich schon immer gefragt“, so Dejan. „Ich dachte früher, es gibt nur in Österreich Schwule, in Serbien gibt es sowas nicht“, erzählt Miro den Autoren der Studie.

Doch es gibt auch Jugendliche mit einer anderen Meinung. Der afghanische Flüchtling Amer war über das Ausmaß an Homophobie in Österreich überrascht. Er dachte, nur in Afghanistan sei man homophob. Amer gehört zu den wenigen befragten Jugendlichen, die keine Vorurteile gegenüber Lesben, Schwulen und Transgender-Personen haben. Er ist auch einer jener Jugendlichen, die Homosexuelle in ihrem Freundeskreis haben.

Für die Autoren der Studie ist das entscheidend. Je mehr verschiedene Gruppen in den Freundeskreisen sind, umso toleranter werden die Mitglieder dieses Freundeskreises.

Ein Viertel der muslimischen Jugendlichen „akut gefährdet“ für Radikalisierung

Doch auch die anderen Ergebnisse der Studie geben Anlass zur Sorge. So seien 27 Prozent der befragten Muslime „akut gefährdet“, sich zu radikalisieren. Sie hegen „starke Sympathien für den Dschihadismus, bejahen Gewalt, wenn es um Religion oder Ehre geht, und stehen der westlichen Kultur feindselig gegenüber“, heißt es in der Studie.

Bei jungen Tschetschenen ist jeder zweite Befragte der Studie zufolge gefährdet, sich zu radikalisieren, bei jungen Türken jeder Vierte. Auch Antisemitismus ist bei diesen Jugendlichen weit verbreitet: 47 Prozent gaben an, Juden abzulehnen. Bei den christlich-orthodoxen Jugendlichen waren es 28 Prozent, bei den Katholiken nur sieben Prozent.

63 Prozent der befragten Muslime weisen außerdem eine rassistische Einstellung auf. Bei den christlich-orthodoxen Jugendlichen liegt dieser Wert bei 48 Prozent, bei den katholischen Befragten immer noch bei 36 Prozent.

Stadträtin Frauenberger will in Schulen stärker aufklären

Weitere 31 Prozent der befragten muslimischen Burschen schwanken zwischen einer radikalen und einer liberalen Einstellung. Und 42 Prozent der Jugendlichen, die von der Stadt Wien niederschwellig betreut werden, sowie die Mehrheit der jungen muslimischen Frauen gelten als liberal und gemäßigt.

Für die zuständige Integrationsstadträtin Sandra Frauenberger ist die Studie ein Zeichen dafür, dass „wir hinschauen und aktiv sind“. Die SPÖ-Politikerin will die Jugendarbeit weiter ausbauen und die Eltern stärker in die Pflicht nehmen. Außerdem will sie in Schulen die Aufklärung über Demokratie und Diversität fördern.

Grüne Korun will Migrantenvereine in die Pflicht nehmen

„Vorurteile gegen JüdInnen, Homosexuelle und andere Minderheiten werden erlernt. Daher ist es auch möglich, sie zu verlernen, indem man andere – vorurteilsfreie – Haltungen kennenlernt und sich mit ihnen auseinandersetzt“, erklärt die Grüne Menschenrechtssprecherin Alev Korun. Auch sie fordert mehr Jugendarbeit – aber nicht nur.

„Es geht aber auch darum, dass Migrantenvereine und Moscheen Diskussionen über Vorurteile und religiösen Extremismus anstoßen und sich aktiv beteiligen bei der Bekämpfung von Vorurteilen, Hass gegen Minderheiten und gegen Extremismus im Namen der Religion und des Islam“, erklärt Korun.

Muslimische Jugend ist besorgt

Auch die Muslimische Jugend Österreich (MJÖ) zeigt sich besorgt, warnt aber vor einer Verallgemeinerung. „Wie auch die Studienautoren betonen, handelt es sich bei den untersuchten Personen um Jugendliche im Bereich der offenen Jugendarbeit. Sie warnen insofern vor einer Generalisierung der Ergebnisse auf die Gruppe der jungen Muslime insgesamt“, so die MJÖ in einer Aussendung.

Als Verband engagiere man sich „für eine Gesellschaft, die auf Gleichheit und gegenseitigem Respekt basiert“, erklärt der Bundesvorsitzende Adis Serifovic. So nehme die MJÖ beispielsweise jährlich an der Befreiungsfeier in Mauthausen teil. Außerdem biete man Workshops gegen Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Homophobie an.

Empört über die Ergebnisse ist auch die FPÖ. Während die Partei sonst eher weniger durch ein Eintreten für die Rechte sexueller Minderheiten auffällt, empört sich Landtagsabgeordneter Maximilian Krauss in einer Aussendung darüber, dass die Befragten die „österreichischen Sitten und Werte wie etwa Gleichberechtigung von Frauen oder Homosexuellen ablehnen“. Dass auch fast ein Viertel der befragten Katholiken ein Problem mit Homophobie haben, scheint der freiheitliche Bildungs- und Integrationssprecher zu ignorieren.