„CSD wie Zyankali“: Piusbrüder werden im Vatikan wieder hoffähig

Der Papst möchte die Kirche der ultrakonservativen Priesterbruderschaft annähern

Petersdom bei Nacht
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Italienischen Medien zufolge rückt eine Einigung des Vatikans mit den erzkonservativen Piusbrüdern immer näher. Sie lehnen viele Reformen der römisch-katholischen Kirche ab und sind seit 1988 von Rom getrennt. In der Vergangenheit haben sie sich mehrmals antisemitisch geäußert und gegen Lesben und Schwule gehetzt.

Pius-Bruderschaft hält einige Inhalte der katholischen Kirche für falsch und Aids für eine Strafe Gottes

So hat beispielsweise Helmut Trutt, der damalige Distriktobere der Pius-Bruderschaft in Österreich, im Februar 2009 erklärt, dass „einige Inhalte der katholischen Kirche falsch sind“. Dazu gehört auch der für die Piusbrüder offenbar zu liberale Umgang der Kirche mit Lesben und Schwulen: „Die Heilige Schrift ist diesbezüglich sehr eindeutig und da nehmen wir auch kein Blatt vor den Mund: Praktizierte Homosexualität ist eine Sünde“, so Trutt in einem Interview mit der Tageszeitung „Österreich“.

Wenige Tage später hat Franz Schmidberger, damals Distriktoberer für Deutschland, gegenüber dem Südwestrundfunk (SWR) gemeint, er wolle über Aidskranke nicht den Stab brechen, aber „in vielen Fällen ist das wirklich eine Strafe Gottes“, so Schmidberger. Sein Glaubensbruder, Pater Peter Lang, erklärte 2007 am Rande des CSD Stuttgart, die Veranstaltung sei „geistige Umweltverschmutzung“: „Man kann ja nicht jemanden mit Zyankali durch die Gegend laufen lassen und das ist eben geistiges moralisches Zyankali, was hier geschieht“, wurde Lang zitiert.

Kampf gegen Lesben- und Schwulenparaden mit dem Widerstand gegen Hitler verglichen

Und der CSD Stuttgart wurde auch im Juli 2009 zur Zielscheibe der rechtskatholischen Bruderschaft: Im Mitteilungsblatt der Piusbrüder wurde die Parade indirekt mit dem Nationalsozialismus verglichen: „Wie stolz sind wir, wenn wir in einem Geschichtsbuch lesen, dass es im Dritten Reich mutige Katholiken gab, die sagten: ‚Wir machen diesen Wahnsinn nicht mit!‘. Ebenso muss es heute wieder mutige Katholiken geben!“, hieß es dort.

Weiter heißt es in dem Artikel: „Wehrt euch, solange es noch möglich ist. Stellt euch auf die Straßen und ruft: ‚Wir wollen nicht, dass unsere Heimat ein Sodom und Gomorrha wird!’“. Für die Veranstalter des CSD Stuttgart war das zuviel. Sie erstatteten Anzeige gegen den Autor des Artikels und die Bruderschaft. Schmidberger fühlte sich nach der Kritik missverstanden: Die Bruderschaft habe „weder der Absicht noch den Tatsachen nach den ‚Christopher Street Day‘ mit dem NS-Unrechtsregime gleichgesetzt“, hieß es in einer Stellungnahme.

Einige Piusbrüder zeigen antisemitische Tendenzen – doch der Papst sieht darüber hinweg

Auch haben sich die Piusbrüder in der Vergangenheit offen antisemitisch geäußert: So heißt es zum Beispiel in einer im Jahr 2000 verbreiteten Schrift: „Es unterliegt keinem Zweifel, dass jüdische Autoren an der Zersetzung der religiösen und sittlichen Werte in den zwei letzten Jahrhunderten einen beträchtlichen Anteil haben.“ Schmidberger bestätigte die Echtheit des Zitates gegenüber dem SWR: „Ein bisschen etwas Wahres ist da schon dran“, so der Geistliche.

Doch Papst Franziskus scheint das wenig Sorgen zu bereiten. Er hatte den Piusbrüdern zum Heiligen Jahr der Barmherzigkeit Entgegenkommen signalisiert. So können die Mitglieder der Bruderschaft seit 2015 wieder Beichten abnehmen. Im April 2016 hat sich Franziskus erstmals mit Bernard Fellay, dem Generaloberen der Priesterbruderschaft, zu einem persönlichen Gespräch im Vatikan getroffen.

Wie gefährlich ist die Piusbruderschaft für den Vatikan?

Nun sagte der Leiter der für traditionalistische Gruppen zuständigen päpstlichen Kommission Ecclesia Dei, Kurienerzbischof Guido Pozzo , dem Internetportal „Vatican Insider“, es nähere sich eine „volle Einheit“ mit der Priesterbruderschaft.

Für führende Theologen wäre das ein schwerer Fehler: Der zu zahlende Preis „wäre schlicht unerschwinglich“, schrieb der Freiburger Fundamentaltheologe Magnus Striet im Oktober 2016 in der „Zeit“-Beilage „Christ & Welt“: „Im Kern geht es in diesem Konflikt um nicht weniger als um die Menschenrechtsfrage.“ Die Piusbruderschaft weigere sich, das seinerzeit „revidierte Verhältnis der Kirche zu den Prinzipien von Religions- und Gewissensfreiheit anzuerkennen“, betonte Striet.