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Deutsche Großkonzerne gegen Diskriminierung beim Blutspenden

Trotz Corona-Engpass: MInisterium stellt sich stur

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In Deutschland haben mehrere international tätige Großkonzerne das Gesundheitsministerium aufgefordert, die Diskriminierung sexueller Minderheiten beim Blutspenden zu beenden. Rückendeckung bekommen sie aus der Community und der FDP – das zuständige Gesundheitsministerium sieht hingegen keine Veranlassung, die bisherige Praxis zu ändern.

Andere Länder liberalisieren wegen der Corona-Krise ihre Richtlinien – Deutschland bleibt stur

Auch wegen der Corona-Krise werden Blutspenden immer wichtiger – die USA haben es deshalb schwulen und bisexuellen Männern leichter gemacht zu spenden. Die zuständige Behörde FDA hat am 2. April neue Richtlinien veröffentlicht, nach denen Männer Blut spenden können, wenn sie in den letzten drei Monaten keinen gleichgeschlechtlichen Sex gehabt haben. In Deutschland und Österreich gilt aber noch immer: Männer und Trans-Personen dürfen erst 12 Monate nach ihrem letzten Sex mit einem Mann Blut spenden, unabhängig von ihrem Risikoverhalten.

Die Stiftung „PrOut at Work“ hat deshalb in Zusammenarbeit mit mehreren in Deutschland tätigen Unternehmen am Freitag ein Positionspapier veröffentlicht, in dem ein Ende der Diskriminierung sexueller Minderheiten beim Zugang zur Blutspende gefordert wird. Zu den Firmen, die das Papier unterschrieben haben, gehören unter anderem der Autozulieferer Continental, die Deutsche Bahn, IKEA, Microsoft, der Versandhändler Otto, der Industriekonzern ThyssenKrupp oder das Softwareunternehmen SAP.

Statt der sexuellen Orientierung müsse es um das persönliche Risikoverhalten gehen

Dass die deutsche Blutspende-Richtlinie die sexuelle Orientierung betrachte, unterstelle Homo-, Bi- und Transsexuellen „pauschal ein Risikoverhalten – unabhängig von ihrem tatsächlichen sexuellen Verhalten und ihrer individuellen Lebenssituation“, kritisiert die Stiftung. Die zwölfmonatige Wartezeit führe in der Praxis dazu, dass diese „oftmals gar nicht Blut spenden“ könnten, das entspreche „nicht unseren Maßstäben für ein diskriminierungsfreies Umfeld“, heißt es im Positionspapier weiter.

Stattdessen solle durch gezielte Befragung der Spendewilligen herausgefunden werden „ob das individuelle Sexualverhalten der Betroffenen tatsächlich ein höheres Übertragungsrisiko birgt“, lautet der Vorschlag der Stiftung und der Firmen. Kriterien dafür könnten das Leben in einer monogamen Partnerschaft, der letzte Wechsel des Sexualpartners oder Präventivmaßnahmen wie die Verwendung von Kondomen oder der Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP) sein.

In anderen Ländern kommt es bereits auf das Verhalten der Spender an

In Bulgarien, Italien, Lettland, Polen, Portugal und Spanien bestimmt bereits das individuelle Verhalten der Spender deren Eignung und nicht deren sexuelle Orientierung. Auch Frankreich ist von der Zwölf-Monats-Regel abgekommen, es sind dort nur mehr vier Monate Wartezeit, ab 2022 könnten homo- und heterosexuelle Blutspender vollkommen gleich behandelt werden.

„PrOut at Work“ ist nicht die erste prominente Stimme, die eine Anpassung der Blutspende-Richtlinien an die Lebenswirklichkeit schwuler und bisexueller Männer fordert: Die Deutsche Aids-Hilfe (DAH) bezeichnete die Zwölf-Monats-Frist in der Vergangenheit als „Unverschämtheit“, weil man eine Infektion heute sechs Wochen nach dem letzten Risiko sicher ausschließen könne.

Auch die FDP fordert liberale und zeitgemäße Regeln für die Blutspende

„Unter dem Blutspendeverbot leiden vor allem die, die nun dringend auf Spenderblut angewiesen sind“, betonten auch Anfang April die beiden FDP-Bundestagsabgeordneten Jens Brandenburg und Kathrin Helling-Plahr. Entscheidend für das Infektionsrisiko sei nicht die sexuelle Orientierung, „sondern das tatsächliche Risikoverhalten“. Auch die separate Auflistung von Trans-Personen in der Spenderichtlinie „entbehrt einer medizinischen Begründung“, so die beiden FDP-Abgeordneten.

Im deutschen Gesundheitsministerium sieht man – obwohl es mit Jens Spahn von einem schwulen Mann geführt wird – derzeit keinen Grund zu handeln. Erst vor einigen Wochen lehnte man eine Gleichbehandlung schwuler und bisexueller Männer ab. Das Ministerium halte es weiterhin „fachlich für vertretbar“, betroffene Männer erst „nach einer zwölfmonatigen Karenzzeit zur Blutspende zuzulassen“, so eine Sprecherin.

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