Spritze soll acht Wochen lang vor HIV-Infektion schützen

Der neue Wirkstoff Cabotegravir wirkt in ersten Tests vielversprechend

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Symbolbild - Fotolia/andreysafonov

Wer sich vor einer HIV-Infektion schützen möchte, muss derzeit jeden Tag eine Tablette mit den Wirkstoffen Tenofovir und Emtricitabin schlucken. Das könnte schon bald der Vergangenheit angehören: Denn im Rahmen einer groß angelegten Studie hat sich auch eine Zwei-Monats-Spritze mit dem Wirkstoff Cabotegravir als hoch wirksam erwiesen.

Mehr als 4.500 Personen haben an der Studie teilgenommen

Damit könnte es schon bald eine bequemere Möglichkeit der Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP) geben. Die Studie sollte die Wirksamkeit einer Depotspritze mit dem neuen Wirkstoff testen. Sie läuft seit 2016 bei etwa 4.600 Cis-Männern und Trans-Frauen, die Sex mit Männern haben. Der Anteil der Trans-Frauen liegt bei 12 Prozent. Zwei Drittel der Studienteilnehmer sind jünger als 30 Jahre. Die Spritze wird in den Gesäßmuskel injiziert. 

Eine Hälfte der Teilnehmer bekam zunächst täglich Cabotegravir als Tablette, um zu sehen, ob der Wirkstoff vertragen wird. Danach bekamen die Teilnehmer alle acht Wochen eine Spritze mit dem Wirkstoff und jeden Tag eine Placebo-Tablette. Die andere Hälfte der Teilnehmer bekam zunächst eine Tablette mit den bekannten PrEP-Wirkstoffen Tenofovir und Emtricitabin und danach alle acht Wochen eine Placebo-Spritze und jeden Tag eine wirksame PrEP-Tablette.

Weniger HIV-Infektionen – auch, weil bei einer Spritze nichts vergessen werden kann

Das Ergebnis scheint für die Zwei-Monats-Spritze zu sprechen: In der Cabotegravir-Gruppe wurden bis Ende April zwölf HIV-Infektionen festgestellt, in der Kontrollgruppe haben sich hingegen 38 Menschen mit dem HI-Virus angesteckt. Dieser höhere Wert dürfte auch an der „Therapietreue“ liegen, vermutet ein Sprecher des Cabotegravir-Herstellers.

So hätten nur 75 Prozent der Kontrollgruppe jeden Tag ihre Tablette mit den Wirkstoffen Tenofovir und Emtricitabin genommen. Der Anteil derer, die mindestens vier Tabletten pro Woche genommen und damit sicher vor einer HIV-Infektion geschützt war, dürfte bei 83 Prozent liegen. Das ginge aus einer Untersuchung von 400 Teilnehmern der Kontrollgruppe hervor.

Die Studie wurde wegen des großen Erfolges beendet

Weil die Injektionen mit Cabotegravir offenbar vor einer HIV-Infektion schützen – und, weil wegen der Corona-Krise einige der beteiligten Einrichtungen schließen mussten – wurde die Studie nun beendet. Den Teilnehmern aus der Kontrollgruppe werden nun Cabotegravir-Spritzen angeboten.

Allerdings sind die Spritzen nicht frei von Nebenwirkungen: Vier von fünf Teilnehmern klagten über Schmerzen und Druckempfindlichkeit an der Injektionsstelle – zweieinhalb mal so viele wie bei der Kontrollgruppe. Allerdings haben nur zwei Prozent der Cabotegravir-Empfänger die Studie deshalb abgebrochen.

Nun geht es darum, die letzten Fragen zu klären

Nun soll untersucht werden, warum sich auch in der Cabotegravir-Gruppe zwölf Personen mit HIV infiziert hatten. Vermutet wird, dass die Infektionen in der Anfangsphase geschahen, als der Wirkstoff noch als Tablette genommen wurde und diese vergessen wurden. Eine andere Vermutung ist, dass Cabotegravir bei Menschen mit einem geringen Body-Mass-Index (BMI) schneller abgebaut wird.

Wann Cabotegravir zur HIV-Therapie und zur PrEP zugelassen wird, ist noch unklar. Der Hersteller plant nach eigenen Angaben, die Spritze auch in Ländern mit niedrigen Einkommen zur Verfügung zu stellen. Mögliche Preise sind ebenfalls nicht bekannt.

Eine zweite Studie, die in Afrika bei 3.200 Frauen mit erhöhtem Infektionsrisiko prüfen soll, ob Cabotegravir für die PrEP wirksamer als Tenofovir und Emtricitabin ist, wird vorerst weitergeführt. Hier sollen im November erste Zwischenergebnisse vorliegen.