Erdoğan wirft LGBTI-Community „Vandalismus“ vor

Studentenunruhen in Istanbul: Nun meldet sich der Präsident zu Wort

Istanbul
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In der Türkei hat jetzt auch Präsident Recep Tayyip Erdoğan zu den Studentenprotesten rund um die Bestellung des neuen Rektors der Boğaziçi-Universität Stellung genommen: Er lobte die Jugendorganisation seiner Partei AKP für ihre Heteronormativität. Unterdessen haben die Proteste auch auf eine andere Stadt übergegriffen.

Erdoğan will eine „Jugend, wie sie in der glorreichen Vergangenheit unseres Landes existierte“

„Wir werden unsere Jugend in die Zukunft führen, nicht als LGBT-Jugend, sondern als die Jugend, wie sie in der glorreichen Vergangenheit unseres Landes existierte“, so der türkische Präsident in einer Ansprache an die jungen Mitglieder der konservativ-islamischen Regierungspartei AKP. Der LGBTI-Bewegung warf Erdoğan „Vandalismus“ vor.

Die Polizei hatte letzte Woche rund um die Proteste an der Boğaziçi-Universität insgesamt fünf Personen wegen „Verunglimpfung des Islam“ festgenommen. Sie sollen bei einer Kunstaktion der Studierenden ein Bild der Kaaba, der heiligsten Stätte des Islam, mit einer Regenbogen-, einer Trans-, einer Lesben- und einer Asexuellen-Flagge aufgehängt haben.

Erneut Proteste und Festnahmen vor der Boğaziçi-Universität in Istanbul

Zwei der Festgenommenen sind mittlerweile in Untersuchungshaft, zwei weitere in Hausarrest. Die fünfte Person wurde kurz nach ihrer Festnahme wieder freigelassen. Die Polizei hatte in diesem Zusammenhang auch den LGBT-Club der Universität durchsucht.

Medienberichten zufolge sind am frühen Montagabend erneut Menschen bei weiteren Protesten an der Boğaziçi-Universität festgenommen worden. Nach Angaben von Ömer Faruk Gergerlioğlu, einem Abgeordneten der prokurdischen Oppositionspartei HDP, der vor Ort war, und der LGBTI-Menschenrechtsorganisation Kaos GL habe es etwa 100 Festnahmen gegeben.

Auch in Izmir gibt es Kundgebungen

Vor der Boğaziçi-Universität in Istanbul demonstrieren seit Wochen Studierende gegen die Ernennung von Melih Bulu zum Rektor. Präsident Erdoğan, der sich nach dem gescheiterten Putsch von 2016 Durchgriffsrecht auf die Universitäten gesichert hatte, hat seinen Parteifreund Bulu zum Rektor ernannt. Zuvor wurden die Rektoren in der Türkei von den Universitäten selbst gewählt.

Etwa 30 Menschen sollen gestern nach Informationen von Kaos GL zeitgleich mit den Verhaftungen in Istanbul in der türkischen Millionenstadt Izmir festgenommen worden sein, als Student:innen der dortigen Universität eine spontane Pride-Solidaritäts-Demonstration abhielten.

Menschenrechtsgruppen werfen Erdoğan und seiner AKP seit Jahren vor, die mehrheitlich muslimische, aber säkulare Türkei zunehmend religiös-konservativ umzugestalten.