Fetisch-Verbot beim CSD Bremen sorgt für Empörung

...und die Entschuldigung des Vereins lässt mehr Fragen offen als sie beantwortet

Sujetbild: Leder/Fetisch
AdobeStock

Für Empörung sorgte am Wochenende eine Stellungnahme des CSD Bremen, wonach Fetisch-Outfits dieses Jahr bei der Demonstration nicht willkommen seien. Nach heftigen Protesten ruderten die Organisator:innen zurück – und wollten doch nur falsch verstanden worden sein. 

„Keine Fetischdarstellung“ als einer der Grundsätze der Veranstalter

Dabei sind die Sätze, die bereits seit Mitte November unter der Überschrift “Unsere Grundsätze” auf der Homepage des CSD Bremen zu finden waren, mehr als eindeutig: “Keine Fetischdarstellung” hieß es dort, da man “über die Probleme von queeren Menschen in der Gesellschaft aufklären” wolle. Das Darstellen von Fetischen in der Öffentlichkeit finde man “nicht hilfreich, wenn wir bei der gleichen Demonstration und Kundgebung über Themen wie Asylrecht, Trans*Recht oder queere Krankenversorgung sprechen möchten”. 

Besonders problematisch findet der CSD Bremen in seinen Grundsätzen Fetische, die für Zuschauende “sexuell gelesen” würden, da “das Publikum nicht einwilligen kann” – “Ganz zu schweigen davon, dass die Sexualisierung von Frauen* im Allgemeinen und Minderheiten im Besonderen problematisch genug ist.” Ob die Teilnehmer:innen der Demonstration auch keine Turnschuhe tragen dürften, um Sneaker-Fans nicht zu stimulieren, verraten die Organisator:innen nicht. 

Peinlicherweise hat der CSD Bremen auch den Anspruch, “mehr Kommunikation her[zu]stellen zwischen den Menschen der queeren Community, damit es weniger Ausgrenzung innerhalb der Community gibt”, wie Blogger Rainer Hörmann in Samstag ist ein guter Tag schreibt. Dass mit einer Einschränkung der Fetisch-Community genau dieser Teil der Szene marginalisiert werden soll, ohne den es diese Veranstaltungen wohl nicht geben würde, ist nur ein weiterer Aspekt dieser Posse. 

Nicht nur in der Fetisch-Szene sorgte diese Einstellung für Irritationen

“Shame on you CSD Bremen”, kommentierte deshalb auch Torsten Burandt, amtierender Mr. Fetish Germany, die Grundsätze des CSD Bremen – und löste damit einen Sturm der Entrüstung aus. Und er war mit seiner Kritik nicht alleine. Sein österreichischer Amtskollege Martin Mayr bezeichnete das Fetisch-Verbot des CSD Bremen als “Feigheit und Sauerei”. Es fehle “jeglicher Respekt vor der Geschichte der LGBTQI+ Bewegung. Mit Anpassung und Anbiederung an die heteronormative Gesellschaft wären wir heute noch beim Totalverbot”. 

“Ein CSD, der Mitglieder unserer Community ausschließt, ist kein CSD! Und darf diesen Namen auch nicht tragen!”, kommentierte Alfonso Pantisano, Vorstandsmitglied des Lesben- und Schwulenverbands (LSVD) auf Facebook die Entscheidung der Bremer. “Gruppen, die (…) stolz darauf sind, Teil unserer Community zu sein, sollen jetzt auf einmal in Bremen ausgeschlossen werden”, ärgerte er sich in einer weiteren Stellungnahme: “Ich frage mich, wo haben diese Leute ihre queere Geschichte her?” 

Der CSD Bremen fühlt sich missverstanden: „Fetisch ja, Sex nein“

Am Sonntag ruderte der CSD Bremen dann zurück – und sorgte damit für noch mehr Verwirrung. Der Verein bedauerte, dass der entsprechende Absatz auf der Homepage “missverstanden” worden sei. Man habe seit der Gründung des Vereins nie das Tragen von Fetisch auf dem CSD verboten. “Ganz im Gegenteil. Im Juni 2017 hat das Orga Team beschlossen: ‘Fetisch Kleidung ja. – Sex, sexuelle Handlungen usw. Nein!’”, so die Veranstalter:innen. 

Allerdings denke man, “dass die Darstellung von Sex, sexuellen Handlungen, wie zum Bespiel symbolische Penetration, Einführen von Dildos tief in den Hals u. Ä. bei der Vertretung unserer Forderungen gegenüber Dritten, wie zum Beispiel der Politik nicht hilfreich ist” – Fetisch wird also in den Köpfen der Bremer Organisator:innen offenbar mit (illegalem) öffentlichem Sex gleichgesetzt. 

Im Fetischbereich könnten außerdem “Handlungen, wo (sic!) das Publikum nicht erkennen kann, dass sie auf der absoluten Freiwilligkeit und der Möglichkeit jederzeitiger Beendigung durch alle Beteiligten basieren” problematisch sein, so die Organisator:innen weiter. Man habe bei der Erarbeitung der Richtlinen übersehen “dass das Wort Fetisch mehrere Bedeutungen hat”, so der CSD Bremen. Von der kritisierten Passage distanziert sich der CSD Bremen aber mit keinem Wort. 

Für einige Veranstalter scheint die stolze Fetisch-Community das Schmuddelkind der Paraden zu sein

Es ist nicht das erste Mal, dass übervorsorgliche Pride-Organisator:innen versuchen, die Fetisch-Community von den Demonstrationen auszuschließen. Bereits 2009 versuchte der CSD Köln, die Teilnehmer:innen zu “Benimmregeln” zu verpflichten, wonach sie mit Outfit und Verhalten “Taktgefühl” beweisen müssten. Im Jahr 2017 drohte der CSD Stuttgart mit einem Parade-Verbot für “sexuelle Freizügigkeit”. 

Besonders oft treffen solche Verbote die Puppy-Szene: Im Jahr 2018 hat die Polizei Fetischmasken beim Ruhr-CSD in Essen verboten, weil diese angeblich gegen das Vermummungsverbot verstießen. Die Grünen brachten daraufhin eine Anfrage an Herbert Reul, den Innenminister von Nordrhein-Westfalen ein, der einräumen musste, dass die Untersagung der Masken rechtswidrig war. Trotzdem sprach die Polizei ein Jahr später beim CSD Aachen erneut ein Verbot von Fetischmasken aus.