Aufklärungs-Broschüre: ÖVP und FPÖ williges Sprachrohr christlicher Elterngruppe?

Erstaunliche Übereinstimmungen in den Formulierungen

Nationalrats-Sitzungssaal
Stefan Olah/Parlamentsdirektion

Sturm gegen eine Aufklärungsbroschüre für sechs- bis zwölfjährige Schüler laufen ÖVP und FPÖ in ungewohnter Einigkeit. Nach „mehreren Anfragen besorgter Eltern“ muss Unterrichtsministerin Claudia Schmied nun in gleich zwei parlamentarischen Anfragen erklären, warum auch Transgender und Homosexualität thematisiert werden – und damit nach Meinung der konservativen Bildungssprecher die „Kernfamilie“ untergraben.

„Skandalbroschüre“, weil Homosexualität gleichwertig genannt wird?

FPÖ-Bildungssprecher Walter Rosenkranz ist empört: Er richtet eine Anfrage an die Unterrichtsministerin betreffend der „Verteilung von Skandalbroschüren an österreichischen Schulen“. Ihn stört, dass in der Broschüre „Ganz schön intim“, „natürlich gewachsene Familien zwischen Mann und Frau diskreditiert werden, dafür ‚lesbisch‘, ‚schwul‘, ‚hetero‘ und ‚trans‘ als vollkommen gleichwertig dargestellt“ werden.

Ein Kritikpunkt, der fast wortgleich bereits vor zwei Wochen zu lesen war. Da berichtete die Tageszeitung „Die Presse“ über eine „lose Gruppe von Eltern rund um die Juristin und Theologin Gudrun Kugler“ die in dem Heft ebenfalls einen „Skandal“ sieht. Die darin vermittelten Werte würden „nicht der Meinung der meisten Eltern“ entsprechen, so Kugler. Einer der Kritikpunkte der christlichen Elterngruppe: „Lesbisch, schwul, hetero, trans wird als völlig gleichwertig verwendet.“ – sicherlich nur eine zufällige Übereinstimmung mit der FPÖ-Anfrage.

Auch ÖVP kopiert von „loser christlicher Elterngruppe“

Doch auch die ÖVP bedient sich dankbar bei der Vorlage Kuglers. Die Elterngruppe regt nämlich auch auf, dass ihrer Meinung nach „Mann- und Frausein“ sowie die „natürliche Familie“ in der Broschüre diskreditiert würden.

Gut zwei Wochen später ortet ÖVP-Familensprecher Werner Amon bei seiner Anfrage an die Ministerin eine „Diskreditierung der Kernfamilie“. Er habe eigenen Angaben zufolge bereits „mehrere Anfragen von besorgten Eltern“ bekommen. Dabei dürfte es sich vor allem um die „lose Gruppe“ rund um Kugler handeln.

Die Broschüre würde bei den Kindern „zu verstörten Fragestellungen“ führen, so Amon weiter – unter anderem, weil sich das Thema Intersexualität „in unverhältnismäßiger Relation durch die ganze Broschüre“ ziehe, so Amon. Auch hier gibt es wenig überraschend Parallelen zur christlichen Elterngruppe. Die intensive Problematisierung der Intersexualität stilisiere „eine Sonderform zu einem dritten Weg“, heißt es in ihrer Stellungnahme.

Für ÖVP und FPÖ ist dieser Sturm im Wasserglas eine willkommene Gelegenheit, ihr eigenes Familienbild hochzuhalten. So will Amon von Schmied wissen ob sie es „nicht als erstrebenswert ansieht, die sogenannte ‚Kernfamilie‘ Vater-Mutter-Kind als Ideal hochzuhalten“ und Rosenkranz wirft dem Ministerium als Auftraggeber des „Machwerks“ sogar „ideologische Stimmungsmache“ vor.

Verfasser der Broschüre steht zu seinen Aussagen

Erstellt wurde die Broschüre vom Verein „Selbstlaut“. Der steht zu seinen Formulierungen. „Dass Minderheiten mit Mehrheitspositionen in einem Atemzug genannt werden, ist natürlich Absicht“, heißt es gegenüber der „Presse“. Bei der Prävention sexueller Gewalt – einem zentralen Ziel der Sexualerziehung – gehe es gerade darum, Dinge zu enttabuisieren und „besprechbar zu machen“. Der zwanzigjährigen Erfahrung von „Selbstlaut“ zufolge werden auch Volksschüler mit Pornografie und sexualisierten Inhalten konfrontiert. „Darauf müssen wir Erwachsenen Antworten haben.“ Denn Schimpfwörter und sexualisierte Sprache würden das aufgreifen, „was auf jedem Schulhof zu hören ist und leider auch in vielen Familien“.