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Allah und der Regenbogen

„Wie Homosexuelle behandelt werden, ist kein religiöses Problem, sondern ein gesellschaftliches!“, das entspricht den Erfahrungen von Amira* aus Syrien, die selbst als Atheistin keine religiöse Bindung hat. So vergleicht sie auch die Reaktion ihrer Mutter auf ihr sexuelle Orientierung mit jener von Müttern aus westlichen Ländern: „Es ist nur eine Phase, Schatz!“ Einen Satz, den schon viele Lesben und Schwule zuhause gehört haben.

Symbolbild: Schwules Paar
Symbolbild - Honey Fangs/unsplash.com

Amira

Dennoch: „Somehow it’s fine in Syria now!“, so Amira. Sie haben jetzt Internet und Instagram. Und in manchen Milieus ist Homsexualität auch kein Problem. Da gibt es umgekehrt schon fast kitschige Vorurteile, berichtet die junge syrische Frau: „Fast jeder an der Universität in Damaskus ist homosexuell. Vor allem in den Künsten. Jeder weiß das!“ Doch trotz Gaybars und Parties für Homosexuelle gibt es auch Unterschiede, wie die starke und strikte Trennung der Gesellschaft nach Geschlecht: „Männer bleiben untereinander und Frauen bleiben untereinander.” Amira erzählt weiter: “Meine Exfreundin hat sehr unter dem Einfluss von Religion und Gott in Ihrem Leben gelitten. Sie trug auch einen Hijab und hatte nach dem Sex ein schlechtes Gewissen”.

Aber es gibt Veränderung, neues Bewusstsein, gerade unter Frauen: „Syrian women don’t get fucked anymore, listen, we don’t get fucked, we fuck!“ Sie empfiehlt den Film „Circumstance“, eine Dokumentation über lesbische Frauen im Iran aus dem Jahr 2011 von Maryam Keshavarz über eine liberale, iranische Mittelstandsfamilie, zerrissen zwischen der Liebesbeziehung der Tochter und den religiösen Ansichten des Sohnes. 

Amiras Einschätzung über die Ursachen von Homo- und Transphobie in der prinzipiellen patriarchalen Struktur der Gesellschaft in Syrien ist: „Homosexuelle Männer haben es im Allgemeinen ein bisschen schwerer. Aus dem einfachen Grund, dass Frauen als schwächeres Geschlecht angesehen werden. Ein schwuler Mann ist schwächer als ein Hetero, weil er im Prinzip die Position der Frau einnimmt und das nicht zum testosteronträchtigen Männerbild der syrischen Gesellschaft passt.“

Diese Herangehensweise nach der Wertigkeit der Geschlechter führt konsequenterweise zu Werthaltungen mit scheinbar absurden Ergebnissen, denn „beim Thema Transgender wären die Menschen in Syrien offener. Frauen, die ein Mann werden wollen? Kein Thema, weil sie ja zum stärkeren Geschlecht wechseln. Der andere Weg wird allerdings eher weniger offen betrachtet. Vom Mann zur Frau? Wer will denn schon zum schwachen Geschlecht wechseln?“ Amira meint: „Das Problem ist nicht der Islam, es liegt daran, dass jeder sich besser fühlen will als der andere. Und deshalb hassen wir einander. Ich weiß nicht, warum wir so denken? Oder vielleicht ist es die Regierung? Vielleicht? Es ist unsere Chance, besser zu werden.“ 

Kia

Die patriarchalen Verhältnisse kennt auch Kia*. Er wuchs in einer ärmlichen Gegend im Süden von Teheran auf. „Bei uns lernt man nur, dass man in die Moschee gehen muss, zu Allah beten und dass man heiratet und Kinder bekommt – das sei das Beste im Leben.“ Kia weiter: “Doch auch im Iran gab und gibt es Menschen mit einem weiten Horizont”. Er selbst hatte Freunde, deren Eltern wussten über die sexuelle Orientierung ihrer Söhne Bescheid. Seine Eltern wissen es jedoch bis heute nicht. Er immigrierte nach Österreich, hat derzeit einen Aufenthaltstitel bis 2021. Seinen Freund hat er in Istanbul kennengelernt, der dort als Tourguide tätig war. Die beiden verbrachten dort eine schöne Zeit. Dann kam Erdogan an die Macht und mit ihm der Rückschritt und alte Tradition.

Damit einher gingen auch die Wiedereinführung alter, patriarchaler Strukturen im Leben von Frauen: „Als Frau oder Mädchen darf man keinen Freund haben bis man heiratet. Und dann hat sie zu Hause zu bleiben, zu kochen, sich um die Kinder zu kümmern”, erzählt Kia. Rückschrittliche Gedanken gibt es überall und nicht nur im Islam: Kia wohnt heute in der ländlichen Steiermark. Dort gibt es „viele richtige FPÖ-Wähler“ und “einen netten Nachbarn, der jedoch auch homophob und ausländerfeindlich ist.” 

Seine Eltern fragen ihn, wann er heiraten wird. Sie hoffen, dass er eine Iranerin heiratet und zurückkehrt. Das ist besser als eine Österreicherin, weil die Iranerin eine Muslimin wäre. Kia kann seinen Eltern nicht sagen, dass er mit einem Mann zusammenlebt und das sogar in einer eingetragenen Partnerschaft. „Es wäre natürlich besser, wenn ich meiner Familie meinen Mann zeigen oder Fotos schicken könnte – aber das geht nicht und deswegen lasse ich es.“ 

Fariman

Wir haben Fariman um einen Einblick in seine Geschichte und Lebenswelt gebeten. „Ich wurde in einem weiblichen Körper geboren. Ich wusste nicht, dass ich trans* bin bis ich 15 oder 16 Jahre alt war. Alles war zensiert. Ich konnte nicht online gehen und danach suchen was mit mir los ist. Ich habe mir nur gedacht, ich bin nicht homosexuell, und ich bin nicht intersexuell, denn mein Körper hatte eine weibliche Struktur wie aus dem Lehrbuch. Ich war total verloren. Ich wusste nicht, was Transsexualität ist. Aber ich hatte Affären mit Frauen im Iran. Und als ich mich als trans* geoutet habe, war ich super glücklich.

Als ich den Iran verlassen habe, habe ich verstanden, dass ich kein Mann sein muss. Denn ich bin trans* und nichtbinär. Im Iran ist die Situation anders. Frauen müssen einen Hijab tragen. Alles ist strikt binär. Mann oder Frau! Frauen dürfen nicht ins Stadion gehen. Sie dürfen nicht singen. Es gibt sehr viel Diskriminierung zwischen Männern und Frauen. Es war nicht schön in der Schule. Da war Bullying, Homophobie. In den Schulen können sie mit queeren Themen gar nicht umgehen. Sie haben meine Mutter angerufen und ihr erklärt, dass ich eine Sex bzw. Gender Störung oder so habe. Sie mochten mich nicht, weil sie dachten, ich wäre homosexuell und das ist im Iran nicht normal.

Obwohl es natürlich oft vorkommt. Ich habe viele Freunde, die gleichgeschlechtliche Beziehungserfahrung schon in der Schulzeit hatten. Auch ich und meine Schulkameraden. Es war typisch. Ich habe viele Jahre Futsal gespielt. Und unter den Mädchen in einem Futsal-Team – die waren praktisch fast alle homo- oder transsexuell. Doch dann kam ein neues Gesetz: Wenn du in einem Mädchen-Sport-Team spielen wolltest, musstest du genetische und hormonelle Tests über dich ergehen lassen. Sie wollten nur mehr richtige Hetero-Frauen im Team.

Das Leben war hart. Wenn du unter 19 bist, brauchst du im Iran deine Eltern, die dich durch den Operationsprozess führen. Ich habe es versucht, aber meine Mutter hat nicht zugestimmt, weil sie dachte ich werde mein Leben ruinieren und keine Chance haben, um ein respektvolles Leben im Iran zu führen. Sie hatte Recht. Im Iran ist das keine gute Idee. Sie hatte Angst, was andere denken oder sagen würden, und das ist sehr typisch für iranische Familien. Ich habe versucht eine Erlaubnis zu bekommen, bin aber gescheitert. An der Uni wurde ich gemobbt, weil ich mich wie ein Mann benommen habe. Ich habe zum Beispiel geraucht – das dürfen Frauen im Iran auch nicht.

Dann tauchten Fotos und Videos auf, die zeigten, dass ich in einer Beziehung mit einer Frau war. Dadurch habe ich erkannt, dass die Lage für mich immer schlimmer wird. Sie hätten mich wegen Sodomie (siehe zur Erläuterung des Begriffs den Absatz “Das Volk von Lot”) anklagen können. Als ich es aus dem Iran rausgeschafft habe, habe ich erfahren, dass sie mich drei Monate wegen Verrat einsperren wollten. Aber ich wusste, wenn ich in diesem Gericht auftauche, dann wird die Strafe höher sein.

Ich flog natürlich von der Uni, wo ich Bauingenieurwesen studierte – ich war da wirklich gut. Aber die Uni sagte mir, dass sie mich der Polizei übergeben, wenn ich zurückkomme. Und nun bin ich seit fünf Jahren in der Türkei. Ich habe eine Partnerin hier. Wir leben zusammen und wir wollen auch zusammen nach Australien, wenn sie die Grenzen jemals wieder aufmachen. Sie ist bisexuell und aus dem Iran. Die Türkei akzeptiert keine Flüchtlinge. Durch die Asylpolitik hier wurden die Grenzen geschlossen – und jetzt durch Corona hat Trump einen Einreisestopp in die USA verhängt. Wir warten hier bis ein anderes Land uns aufnimmt. Europäische Länder, Kanada oder Australien. Mir geht es gut. Ich habe das Glück, dass ich mit Organisationen online arbeiten kann. Ich bin ein*e LGTBIQ-Aktivist*in und Radiomoderator*in. Andere haben diese Chance nicht. Ohne Arbeitserlaubnis und ohne Versicherung wird die wirtschaftliche Situation sehr schwer. Wir haben keine Priorität.

Ich sage immer zu meiner Partnerin: Wenn du keine Steuern zahlst, dann bist du irrelevant. Wir Flüchtlinge in der Türkei zahlen keine Steuern, wir haben keine Staatsbürgerschaft und im Gegenzug ist es ihnen egal. Wir befinden uns im „Limbo“ zwischen Himmel und Hölle. So warten wir hier in der Türkei und wissen nicht wann wir dieses Land verlassen können. Die Neuankömmlinge werden meiner Meinung nach mindestens 10 Jahre hierbleiben. Oder für immer.” 

Das Volk von Lot

Für trans* oder „homosexuell“ hatten die Befragten in ihrer Jugend noch gar keinen Begriff. Sex zwischen Männern wird im Arabischen liwat genannt, die „Handlung des Volkes Lots“. Dies geht auf Geschichten zurück, die man nicht nur im Koran finden kann, sondern auch in der Bibel. Im Koran beklagt sich Lot über Männer seines Volkes, die sich in Sinneslust mit Männern und nicht mit Frauen abgeben würden. So etwas Abscheuliches hätte vorher noch nie jemand getan. Und in der Bibel geht es um die Bewohner Sodoms, die Sodomiten. Diese wollen zwei Engel ficken, die bei Lot zu Besuch sind, worauf er aus Verzweiflung der Meute seine jungfräulichen Töchter anbietet.

Ob es da nun wirklich um Sex geht oder um Verletzung des Gastrechtes: Über Jahrhunderte wurden auf Basis solcher Geschichten sogar strafrechtliche Regelungen zu gleichgeschlechtlichem Sex abgeleitet. Wer der „Sodomie“ angeklagt war, musste sogar die Todesstrafe fürchten. Mit der französischen Revolution schafften erste Länder die Bestrafung ab. Eine umfassende Welle der Entkriminalisierung erfolgte in Europa und in den USA aber erst im 20. Jahrhundert. 

Paradoxerweise verlief dies in islamisch geprägten Ländern umgekehrt: Hier wurde die Anwendung des Strafrechts strenger. An sich ident mit christlichen Vorstellungen ist, dass sexuelle Handlungen außerhalb der Ehe zina sind, was man mit Unzucht oder Hurerei, übersetzen kann. Auch das islamische Recht, die Sharia, wendet bei Analverkehr zwischen Männern die Todesstrafe durch Steinigung oder Herabstürzen von einem Berg an. Die Bedingungen, um die eigene Unschuld zu beweisen, sind kaum erfüllbar.

Doch durch die Radikalisierung islamistischer Strömungen kommt es heute eher zu solchen Verurteilungen, als vor vier- oder fünfhundert Jahren. In Vergessenheit gerät jedoch, dass es schon zu jener Zeit eine liberale Tradition gab, die sich durch ein breites Spektrum an homoerotischer Literatur zeigte. 

Die aktuelle Auseinandersetzung unter islamischen Rechtsgelehrten ignoriert die Frage, ob es nicht Gottes Wille sei, wenn man so lebt wie man von ihm geschaffen wurde. Diskutiert wird vielmehr die Frage, ob der penetrierende Part ebenfalls den Tod verdient –  und ob Steinigung oder Werfen von einem Hochhaus die “richtige” Todesstrafe ist. 

*Die Namen der Interviewpartner*innen wurden von der Redaktion geändert

Querformat

Dieses Interview erschien zuerst in das Querformat – Magazin für eine offene und tolerante Gesellschaft und ist nun im Rahmen einer Kooperation auch auf GGG.at zu lesen.

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