Archäologen wehren sich gegen „schwulen Höhlenmenschen“

Der Fund eines tschechischen Archäologenteams gibt der Wissenschaft Rätsel auf: Forscher glauben, in einem Vorort von Prag das gut 5.000 Jahre alte Grab des ersten nachweislich schwulen oder Transgender-Mannes gefunden zu haben.

Sie fanden ein männliches Skelett aus der Schnurkeramikkultur, das auf der linken Seite liegend begraben wurde, mit dem Kopf in Richtung Osten. So wurden aber nur Frauen begraben – Männer lagen rechts, ihr Kopf sah nach Westen. Außerdem sind die Grabbeigaben typisch weiblich: Gefunden wurden Tontöpfe und eine eiförmige Urne, aber keine für Männer üblichen Waffen. Weiblicher Schmuck, der für Frauen ebenfalls eine übliche Grabbeigabe war, wurde aber in den Grab nicht gefunden.

Die Schnurkeramikkultur war am Übergang von der Stein- zur Eisenzeit verbreitet, etwa von 2900 bis 2500 vor Christus. Kamila Remisova Vesinova, die leitende Archeologin des Teams, glaubt, es handelt sich bei dem Fund „um einen Mann, der eine andere sexuelle Orientierung hatte, also homosexuell oder ein Transvestit war“. Gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse zu diesen Theorien gibt es aber noch nicht.

Deshalb verwehren sich Forscher auch gegen Schlagzeilen, dass Vesinova und ihr Team den „ersten schwulen Höhlenmenschen“ gefunden haben. „Ich könnte mich irren, aber um einen ’schwulen Höhlenmenschen‘ zu finden, braucht man ein Skelett, das schwul ist und ein Höhlenmensch. Und das ist keines von beiden“, ätzt John Hawks, Anthropologieprofessor an der Universität Wisconsin. Schließlich waren die Menschen in dieser Kultur bereits sesshaft. Höhlenmenschen gab es zur Zeit der Schnurkeramikkultur bereits seit gut 25.000 Jahren nicht mehr. Und die sexuelle Orientierung sei damals wie heute durch die Form des Skeletts nicht zu bestimmen, so Hawks.

Die Archäologin Katerina Semradova, die ebenfalls im Ausgrabungsteam, ist deshalb auch mit ihrer Formulierung vorsichtiger: „Wir glauben, das ist einer der frühesten Fälle in der Tschechischen Republik, das man als ‚transsexuell‘ oder ‚Grab eines dritten Geschlechts‘ bezeichnen kann.“, sagte sie bei einer Pressekonferenz.

Diese Theorie ist auch für Hawks wahrscheinlicher: „In der Anthropologie kann man das ‚dritte Geschlecht‘ nicht mit Homosexualität gleichsetzen“, erklärt er dem Nachrichtensender CNN. In einigen Kulturen geben es diese, wo auch Männer weibliche Eigenschaften oder Rollen hatten.

Dass das Grab des Mannes Teil eines Grabfeldes ist, ist für Hawks ein „Zeichen kultureller Akzeptanz“.