NDR schickt Naidoo nicht zum Song Contest

Xavier Naidoo wird nicht für Deutschland beim Song Contest teilnehmen. Das hat der NDR am Wochenende bekanntgegeben. Damit beugt sich die Rundfunkanstalt dem öffentlichen Druck: Besonders eine mögliche Nähe zu den „Reichsbürgern“, einer rechtsesoterischen Bewegung, wurde kritisiert.

Musikalische Qualität außer Frage

Es war eine Meldung, die letzte Woche für Erstaunen sorgte: Xavier Naidoo sollte Deutschland beim Song Contest am 14. Mai in Stockholm vertreten, das Publikum dürfe Mitte Februar nur mehr das Lied aussuchen, mit dem er in Schweden starten soll.

Doch für Erstaunen sorgte die Entscheidung nicht, weil die musikalische Qualität von Xavier Naidoo angezweifelt wurde. Die ist ohne Zweifel vorhanden: Seine Single „Dieser Weg“ wurde zur Hymne des deutschen Teams bei der Fußball-WM 2006, Naidoo selbst erhielt jede Menge Preise, darunter mehrere MTV Music Awards, den Echo Pop oder eine Goldene Kamera für seine Musiker-Serie „Sing meinen Song“.

Naidoo radelte 2014 zufällig an „Reichsbürger“-Demo vorbei und sprach zu ihnen

Für Erstaunen sorgte die Tatsache, dass jemand Deutschland beim größten Musikbewerb der Welt vertreten sollte, der die Existenz des Landes als unabhängiger Staat wiederholt und öffentlich bezweifelte. So trat er 2014 am Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober in Berlin vor den „Reichsbürgern“ auf, die Deutschland nicht als souveränen Staat anerkennen.

Seiner Managerin zufolge war der Sänger an jenem Tag „allein mit dem Fahrrad“ unterwegs, wurde sie damals bei „Spiegel Online“ zitiert. Rein zufällig habe sich Naidoo – er trug dabei ein „Freiheit für Deutschland“-Shirt – zum Auftritt entschlossen. Bereits 2011 hatte er allerdings ARD-Morgenmagazin erklärt: „Wir sind nicht frei. Wir sind immer noch ein besetztes Land.“

Auch das brachte ihm einen Preis ein: Erst vor wenigen Wochen wurde dem 44-Jährigen der „Goldene Aluhut“ in der Kategorie „Rechtsesoterik, Reichsbürger & BRD-GmbH“ verliehen. Der Künstler war bei der Zeremonie – anders als bei seinen Musikpreisen – nicht persönlich anwesend.

Gewaltverherrlichend und homophob nennen ihn seine Kritiker

Auch sind seine Kritiker der Meinung, Naidoos Texte seien teilweise gewaltverherrlichend und menschenverachtend. Dafür musste sich der Sänger bereits vor Gericht verantworten. Ein Lied, das 2012 als „Hidden Track“ auf einer Gemeinschaftsproduktion mit dem Rapper Kool Savas veröffentlicht wurde, kann als offen homophob interpretiert werden. Der deutsche Lesben- und Schwulenverband (LSVD) hatte Naidoo und Savas daraufhin wegen Volksverhetzung angezeigt.

Auch Beteuerungen von Freunden, Kollegen und Fernsehverantwortlichen, dass Xavier Naidoo ein netter, pflegeleichter, nicht fremden- oder schwulenfeindlicher Sänger sei, halfen nichts. In der Öffentlichkeit wurde öffentlich darüber diskutiert, ob Naidoo der richtige Mann für eine Veranstaltung sei, die eine so große schwule Famcommunity hat.

NDR zieht die Notbremse

Der NDR, innerhalb der ARD für den Song Contest verantwortlich, musste den Vorschlag, Naidoo zum Bewerb zu schicken, schließlich zurückziehen. „Xavier Naidoo ist ein herausragender Sänger, der nach meiner Überzeugung weder Rassist noch homophob ist. Es war klar, dass er polarisiert, aber die Wucht der Reaktionen hat uns überrascht. Wir haben das falsch eingeschätzt“, so Thomas Schreiber, zuständiger ARD-Unterhaltungskoordinator und Leiter des Programmbereichs Fiktion und Unterhaltung im NDR.

Der Eurovision Song Contest sei ein fröhliches Event, bei dem die Musik und die Völkerverständigung im Mittelpunkt stehen sollen. Dieser Charakter müsse unbedingt erhalten bleiben, die laufenden Diskussionen könnten dem ESC ernsthaft schaden: „Aus diesem Grund wird Xavier Naidoo nicht für Deutschland starten. So schnell wie möglich werden wir entscheiden, wie der deutsche Beitrag für den ESC in Stockholm gefunden wird“, so Schreiber.

Naidoo will weiter für „Freiheit und Liebe“ kämpfen

Xavier Naidoo selbst sagte gegenüber der deutschen Presse, dass die Entscheidung, ihn nicht nach Stockholm zu schicken, ohne ihn getroffen wurde. „Wenn sich nun kurz nach unserer vertraglichen Einigung mit dem NDR und dem Abschluss aller Vorbereitungen die Planungen der ARD durch einseitige Entscheidung geändert haben, dann ist das ok für mich“, gibt er sich demonstrativ gelassen. Und er fügt hinzu: „Meine Leidenschaft für die Musik und mein Einsatz für Liebe, Freiheit, Toleranz und Miteinander wird hierdurch nicht gebremst.“

Geschadet hat die Kontroverse allen beteiligten Parteien. Am wenigsten noch Xavier Naidoo: Er hat seine Fangemeinde, musikalisch wie politisch, die ihn nun als Helden feiern können, der vom Establishment verstoßen wurde – eine Rolle, die der 44-jährige Musikmillionär gerne spielt.

Entscheidung für Naidoo schadet allen Beteiligten

Beschädigt ist aber auch die Reputation des NDR, bis jetzt unangefochten oberste deutsche Instanz, wenn es um den Eurovision Song Contest geht. Dass der Sender mit den Reaktionen überfordert war, sie in dieser Form nicht erwartet hat, wirkt wenig professionell. Dass der Sender betonte, für Deutschland den ersten dunkelhäutigen Solo-Sänger nach Stockholm zu schicken und so dessen Kritiker unterschwellig des Rassismus zu beschuldigen, hat einen schalen Nachgeschmack.

Und dass Naidoos rechtsesoterische Fans nun aus voller Brust schreien können, dass die „Lügenpresse“, „Mainstream-Medien“ und wahrscheinlich auch der CIA einen Auftritt von Xavier Naidoo vor großem internationalem Publikum verhindert hätten, spricht auch nicht gerade für das Geschick der Hamburger.

Auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich andere namhafte deutsche Künstler nun zu einer Teilnahme am Song Contest überzeugen lassen, ist nun, höflich ausgedrückt, deutlich reduziert. Ramponiert ist auch die Reputation des neuen Kandidaten, der nun voraussichtlich am 18. Februar in einer großen ARD-Hauptabendshow gekürt wird. Denn er oder sie ist – egal wie gut – vor allem eines: Zweite Wahl. Und das hat Deutschland schon bei Ann-Sophie nicht gut getan.